Mord an einem Vorkämpfer der Demokratie

Im Jahr 461 v. Chr. fiel Ephialtes, einer der führenden Politiker und Reformer im Stadtstaat Athen, einem Mordanschlag zum Opfer. Bis heute ist unklar, wer hinter dem Attentat steckte, das die politische Landschaft Athens erschütterte.

Über das Opfer in diesem Mordfall ist trotz seiner immensen politischen und historischen Bedeutung nur wenig bekannt. Wann Ephialtes genau geboren wurde, wissen wir nicht. Sein Vater war jedenfalls ein Mann namens Sophonides. Dass Ephialtes aus ärmlichen Verhältnissen stammte, wie schon in der Antike gelegentlich behauptet wurde, ist unwahrscheinlich. Vermutlich war er, wie alle Politiker im damaligen Athen, ein Angehöriger der Oberschicht. Es wird berichtet, dass er sich auch militärisch bewährt hat; als Stratege leitete er erfolgreich Flottenoperationen gegen die Perser. In den 60er-Jahren des 5. Jahrhunderts v. Chr. übernahm er die Führung der demokratischen Partei in Athen (die man sich natürlich nicht wie eine heutige Partei vorstellen darf). Sein größter innenpolitischer Gegner war der Feldherr und Politiker Kimon, der Sohn des Perserbezwingers Miltiades. Kimon, der herausragende Repräsentant der Konservativen, war in den 70er- und 60er-Jahren der führende Staatsmann Athens, der einen pro-spartanischen und anti-persischen Kurs verfolgte. Ephialtes vertrat dagegen eine gegen Sparta, den alten Gegner der Athener, gerichtete Politik. Als die Spartaner im Jahr 462 v. Chr. die Athener um Hilfe baten, weil die Heloten, die von den Spartanern kollektiv versklavte Bevölkerung der Landschaften Lakedaimon und Messenien, einen Aufstand gegen ihre Unterdrücker wagten, sprach sich Ephialtes vehement dagegen aus, den Spartanern zu helfen. In den Debatten konnte sich Kimon jedoch durchsetzen und zog mit einem Heer zur Unterstützung der Spartaner aus. Ephialtes nutzte die Abwesenheit seines politischen Gegners, um gegen den alten Adelsrat des Areopags vorzugehen, der ihm schon länger ein Dorn im Auge war. Schon zuvor hatte Ephialtes, der selbst als gerecht und unbestechlich galt, Mitglieder des Areopags wegen Korruption vor Gericht gezerrt und so das Ansehen dieser Institution unterminiert. Nun schaffte er es, Beschlüsse durchzubringen, welche dem Areopag weitgehend dessen administrativen Befugnisse entzogen, die nun auf die Volksversammlung, den Rat der 500 und die Volksgerichtshöfe übergingen, und seine Aufgaben auf die Blutgerichtsbarkeit und religiöse Belange reduzierten. Diese Maßnahmen gelten als Beginn der radikalen Demokratie in Athen.

Als Kimon von seinem Feldzug, der mit einer für die Athener brüskierenden Ablehnung ihrer Hilfe geendet hatte, wieder in seine Heimatstadt zurückkehrte, wollte er die Reformen des Ephialtes widerrufen lassen. Doch Ephialtes schaffte es, Kimon ausschalten und ostrakisieren zu lassen. Durch den Ostrakismos, das sog. Scherbengericht, wurden Politiker, die als Gefahr für den Staat betrachtet wurden, durch ein Votum der Volksversammlung für zehn Jahre aus Athen verbannt.

Kurz nach diesem seinem größten politischen Erfolg wurde Ephialtes jedoch eines Nachts auf offener Straße ermordet. Leider kennen wir keine Details dieses Anschlags; wir wissen weder wo genau er stattfand, noch welche Waffe der oder die Täter verwendeten. Auch die Schuldigen bzw. deren Hintermänner wurden nie gefasst. In späterer Zeit gab es das Gerücht, dass ein gewisser Aristodikos von Tanagra der Täter gewesen sei, doch gibt es dafür keine Beweise. Ging das Attentat von einem politischen Gegner des Ephialtes aus? Ohne Zweifel hatte sich das Opfer in der konservativen Partei zahlreiche Feinde gemacht. Noch im 4. Jahrhundert wurde der Mord von Gegnern der Demokratie als gerechte Strafe angesehen. Andererseits wurde auch spekuliert, dass Ephialtes von seinen Parteigenossen zum politischen Märtyrer hochstilisiert worden wäre, wenn ihn jemand aus den Reihen der Konservativen ermordet hätte. Dass dies eben nicht geschah, wurde als Indiz dafür angesehen, dass der Mörder jemand aus den eigenen Reihen war. Bereits in der Antike gab es das Gerücht, dass sein Freund und politischer Weggefährte Perikles, der seine Nachfolge an der Spitze der Demokraten antrat, Ephialtes aus Neid und Geltungsdrang habe umbringen lassen.

Die wirklichen Hintergründe der Tat, die von der Gefährlichkeit politischer Machtkämpfe in der Antike zeugt, bleiben jedoch bis heute ein Rätsel.

Quellen:

Aristoteles, Staat der Athener 25,4.

Plutarch, Leben des Kimon 16, 8

Plutarch, Leben des Perikles 10, 6

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