Leidenschaft, Betrug und tödliche Rache

Medea ist eine der faszinierendsten Gestalten der griechischen Mythologie. Die Zauberin aus dem Lande Kolchis, deren leidenschaftliche Liebe verraten wird, ist nicht nur eine tragische Heldin, sondern auch eine berüchtigte Mörderin.

Medea begegnet uns im Mythos von der Fahrt der Argonauten, einem der großen griechischen Sagenzyklen. Dieser handelt vom Helden Jason, der von seinem Onkel, dem thrakischen König Pelias, auf eine Mission in das ferne Land Kolchis (im heutigen Georgien) geschickt wurde. Er sollte dort das Goldene Vlies, das goldene Fell eines geflügelten Widders, in seinen Besitz bringen. Mit Hilfe der Göttin Athena baute Jason das Schiff »Argo«. Anschließend reiste er mit seinen 50 Gefährten, den sogenannten Argonauten (benannt nach dem Schiff), die als die größten Helden seiner Zeit gelten, in die Schwarzmeerregion. Auf ihrem Weg mussten sie viele Abenteuer überstehen – sie trafen auf Fabelwesen wie die Harpyien oder die Stymphalischen Vögel, die ihre Federn als Pfeile nutzten, und sie mussten die Symplegaden passieren, zwei felsige Inseln, die bei jedem Seegang zusammenstießen und Schiffe, die zwischen den Inseln hindurchfahren wollten, zerschmetterten. Schließlich erreichten die Argonauten das sagenumwobene Königreich Kolchis am Kaukasus, wo König Aietes den Ankömmlingen eine Reihe von schier unlösbaren Aufgaben stellte. Sollten sie diese meistern, wollte er ihnen das Goldene Vlies geben.

Aietes, der selbst ein Sohn des Sonnengottes Helios war, hatte eine Tochter namens Medea. Diese war wie ihre Tante Kirke eine mächtige Zauberin und Priesterin der Hekate, der Göttin der Magie. Medea verliebte sich unsterblich in Jason und half diesem, die ihm gestellten Aufgaben zu bewältigen. Als Aietes sein Wort nicht halten und die Argonauten in der Nacht überfallen und töten wollte, warnte Medea die Griechen und half ihnen, das Goldene Vlies, das von einem Drachen bewacht wurde, zu stehlen. Auf der Flucht beging Medea dann ihren ersten Mord – an ihrem Halbbruder Apsyrtos. Nach einer Überlieferung war dieser noch ein Kind, und sie hatte ihn mit auf das Schiff genommen. Anschließend soll sie ihn zerstückelt und seine Überreste ins Meer geworfen haben, um die Verfolger aufzuhalten. Nach einer anderen Überlieferung war es Apsyrtos, der die Argonauten verfolgte, bis er von Medea in einen Hinterhalt gelockt und getötet wurde.

Zurück in Griechenland, begaben sich Jason und Medea nach Iolkos, wo Pelias nicht zu seinem Wort stand und sich nun weigerte, wie versprochen die Herrschaft an Jason abzugeben. Aus Rache beschloss Medea, Pelias zu beseitigen. Sie griff dafür zu einer gemeinen List und redete den naiven Töchtern des Pelias ein, sie kenne einen Zauber, um den greisen Pelias wieder jung zu machen. Zum Beweis, dass dieser Zauber wirkt, zerstückelte sie einen alten Widder und kochte ihn in Wasser, das mit Zauberkräutern versetzt war, und rezitierte magische Sprüche. Prompt entstieg das Tier als junges Böckchen dem Kessel. Die Töchter des Pelias waren von diesem Experiment überzeugt und wiederholten es sofort mit ihrem alten Vater. Da Medea ihnen aber nicht die richtigen Kräuter gab oder den Zauber nicht vollendete, verlor der König dabei das Leben.

Jason und Medea mussten Iolkos verlassen und ließen sich in Korinth nieder, wo sie mehrere Jahre gemeinsam lebten und mehrere Kinder bekamen. Als Jason dann jedoch Medea verstieß und Glauke, die Tochter des Königs Kreon, heiraten wollte, verfiel Medea, die für Jason ihre Familie und ihre Heimat verraten und alles aufgegeben hatte, in Raserei. Zunächst tötete sie Glauke, indem sie der Braut ein vergiftetes Kleid schickte, das sie bei der Hochzeit tragen solle. Kaum hatte diese das Gewand angelegt, verbrannte dieses nicht nur die junge Frau, sondern auch deren Vater Kreon, der ihr helfen wollte.

Es folgt der schockierendste Akt der Geschichte von Medea: Um sich an Jason zu rächen, tötete sie nun die beiden gemeinsamen Kinder Mermeros und Pheres mit dem Schwert. Nach einer anderen Überlieferung wurden diese von den Korinthern als Rache für den Mord an Glauke und Kreon gesteinigt. Anschließend entkam Medea auf einem von Drachen gezogenen Wagen, den ihr Großvater Helios geschickt hat. Jason, der nun alles verloren hatte, fand ebenfalls ein tragisches Ende: Er wurde von einem Teil der Argo erschlagen, nach einer Überlieferung als er neben dem Schiffswrack saß, nach einer anderen, als er sich aus Verzweiflung an diesem erhängen wollte.

Wie nur wenige andere Mythen verdeutlicht die Geschichte von Medea, wie Liebe und Leidenschaft in zerstörerischen Hass umschlagen können. Sie ist ein Beispiel für die dunklen Seiten menschlicher Emotionen und die Grenzen der Moral. Die Gestalt der Medea wurde dabei ganz unterschiedlich interpretiert – als kaltblütige Mörderin oder als Frau, die von den Umständen in den Wahnsinn getrieben wurde. Sie ist eine ambivalente Figur – eine Frau, die sowohl Opfer als auch Täterin ist.

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