Einer der berühmtesten politischen Morde der Antike ereignete sich im Jahr 133 v. Chr. in Rom. Der gewaltsame Tod von Tiberius Sempronius Gracchus markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der Römischen Republik und leitete eine Epoche von gewaltsam ausgetragenen innenpolitischen Konflikten ein.
Historischer Hintergrund
Das 2. Jahrhundert v. Chr. war eine Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Spannungen. Der Aufstieg Roms zur Weltmacht veränderte die sozialen und politischen Verhältnisse und ließ die Republik immer mehr in eine Krise geraten. Besonders betroffen waren die Kleinbauern in Italien, die zunehmend verarmten. Viele verkauften ihr Land und strömten nach Rom, wo sie sich dem wachsenden Heer der besitzlosen Proletarier anschlossen. Gleichzeitig häuften reiche Patrizier immensen Landbesitz an, die sie mit Sklaven bewirtschafteten. Diesen Zuständen wollte eine Gruppe von Senatoren mit einer Agrarreform begegnen. Zu diesen zählte Tiberius Sempronius Gracchus.
Wer war Tiberius Gracchus?
Tiberius Sempronius Gracchus entstammte einer der angesehensten Adelsfamilien Roms. Sein Vater, der ebenfalls Tiberius Sempronius Gracchus hieß, hatte militärische Triumphe über die Keltiberer in Spanien und über Aufständische auf Sardinien gefeiert und zweimal das Amt eines Konsuls bekleidet. Seine Mutter Cornelia war die Tochter von Publius Cornelius Scipio Africanus, der in der Schlacht von Zama den karthagischen Feldherrn Hannibal entscheidend besiegt hatte. Tiberius Gracchus begleitete bereits als Jugendlicher seinen Schwager Scipio Aemilianus nach Nordafrika, wo er an der endgültigen Zerstörung Karthagos teilnahm. Einige Jahre später war er bei einer der schlimmsten militärischen Niederlagen Roms, der Schlacht von Numantia (137 v. Chr.) in Spanien, beteiligt, nach welcher er als Quaestor einen Vertrag aushandelte, der vom römischen Senat aber nicht ratifiziert wurde. Angeblich soll er bereits auf dem Weg nach Spanien bei seiner Reise durch Etrurien auf die Misstände und die Probleme der italischen Bauern aufmerksam geworden sein. Zurück in Rom schloss er sich jedenfalls einer Gruppe von Senatoren an, welche die Krise durch eine Neuverteilung des Staatslandes (ager publicus) beheben wollten, das sich vor allem Großgrundbesitzer unter den Nagel gerissen hatten. Zu diesen Reformern gehörten Appius Claudius Pulcher, der Schwiegervater des Tiberius Gracchus, Scipio Aemilianus oder der bedeutende Jurist Publius Mucius Scaevola, der 133 v. Chr. zum Konsul gewählt wurde.
Die Reformen des Tiberius Gracchus
Im gleichen Jahr wurde Tiberius Gracchus zum Volkstribun gewählt und ging nun daran, die Neuverteilung des Staatslandes umzusetzen. Da er für seinen Gesetzesvorschlag im Senat keine Mehrheit bekommen hätte, brachte er diesen direkt vor die Volksversammlung (consilium plebis). Dieses Vorgehen war zwar nicht gesetzeswidrig, aber durchaus unüblich, weil man normalerweise nur Anträge vorlegte, welche die Zustimmung des Senates hatten. Auf Veranlassung von Reformgegnern legte jedoch der Volkstribun Marcus Octavius, der Amtskollege des Tiberius Gracchus, sein Veto gegen den Antrag ein. Da Gracchus sein Projekt aber nicht aufgeben wollte, entschloss er sich zu einem revolutionären Schritt: Er ließ Marcus Octavius von der Volksversammlung seines Amtes entheben. Diese Vorgehensweise, die ohne Präzedenzfall war, erregte zwar allgemeine Empörung, doch Gracchus schaffte es auf diese Weise, sein Agrargesetz durchzubekommen. Es wurde eine Dreimännerkommission eingesetzt, welche die Neuverteilung des Staatslandes vornehmen sollte. Diesem Kollegium gehörte neben Tiberius Gracchus auch sein Schwiegervater Appius Claudius Pulcher an. Der Senat weigerte sich allerdings, Finanzmittel für eine erfolgreiche Umsetzung der Agrarreform zur Verfügung zu stellen. Denn die Neubauern benötigten finanzielle Unterstützung, um das ihnen zugeteilte Land bewirtschaften zu können. Erneut entschloss sich Tiberius Gracchus zu einem radikalen Schritt. Nach Rom kamen nämlich gerade zu diesem Zeitpunkt Abgesandte aus dem hellenistischen Königreich Pergamon in Kleinasien. Dessen letzter König Attalos III. hatte sein Reich testamentarisch den Römern vermacht. Tiberius Gracchus ließ die Boten aus dem Osten direkt vor die Volksversammlung führen, nahm im Namen des römischen Volkes die Erbschaft an und verwendete die unverhofft erhaltenen Gelder direkt für seine Reform. Dies war ein klarer Affront, denn für solche außenpolitische Angelegenheiten war der Senat zuständig. Doch auch diese Kompetenzüberschreitung wurde zunächst hingenommen.
Das Ende des Tiberius Gracchus
Als sich das Ende seines Amtsjahres näherte, fürchtete Tiberius Gracchus, dass mit dem Ende seiner Kadenz einerseits seine Reformen zum Erliegen kämen und er andererseits zur Rechenschaft gezogen werden würde. Ein weiteres Jahr im Amt würde dagegen seine Immunität verlängern und die Fortführung der Neuverteilung des ager publicus sicherstellen. Aus diesem Grund entschloss er sich dazu, einen der wichtigsten Grundsätze der römischen Ämterlaufbahn zu brechen: das Iterationsverbot. Es war nämlich streng verboten, nach dem Ende einer Amtszeit dasselbe Amt ohne zeitlichen Abstand erneut zu bekleiden. Dennoch strebte Tiberius Gracchus seine Wiederwahl als Volkstribun an. Das brachte für seine politischen Gegner das Fass endgültig zum Überlaufen. Diese streuten nicht nur das Gerücht, dass Tiberius Gracchus die Königswürde anstrebe, was zu Tumulten führte, sondern verlangten auch vom Konsul Publius Mucius Scaevola, dass dieser einschreite. Als Scaevola sich allerdings weigerte, etwas zu unternehmen, rief der pontifex maximus Publius Cornelius Scipio Nasica Serapio, ein Cousin des Tiberius Gracchus, mit den Worten “Wer die Republik retten will, der folge mir!” zum Handeln auf. Gemeinsam mit anderen Senatoren, die sich mit Stuhlbeinen bewaffnet hatten, zog Scipio Nasica, der sich zum Zeichen dafür, dass er eine religiöse Handlung durchführte, die Toga über den Kopf gezogen hatte, in die Volksversammlung. Gemeinsam mit ihren bewaffneten Gefolgsleuten erschlugen die Senatoren Tiberius Gracchus und 300 seiner Anhänger. Die Leiche des Reformers wurde anschließend in den Tiber geworfen. Weitere Unterstützer des Tiberius Gracchus machte man im Folgejahr vor einem Sondergericht den Prozess. Der Mord am Volkstribunen, der eigentlich als sakrosankt galt, wurde jedoch nicht geahndet. Die Kommission zur Verteilung des Staatslandes existierte zwar noch einige Jahre weiter, ihre Tätigkeit wurde aber 129 v. Chr. eingestellt.
Quellen:
Plutarch, Tiberius Gracchus
Appian, Der Bürgerkrieg 1,7-17

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