Tragisches Ende einer Philosophin

Im spätantiken Alexandria wird die gelehrte Hypatia zum Opfer eines christlichen Lynchmobs, Eine der klügsten Frauen der Antike erleidet durch religiöse Fanatiker einen schrecklichen Tod. Dieser Mord gilt bis heute als Beispiel für die Intoleranz, Frauen- und Wissenschaftsfeindlichkeit der Kirche.

Alexandria war nicht nur eine der großen Metropolen der Antike, es war auch ein Zentrum der Gelehrsamkeit. Im Museion forschten und lehrten die größten Wissenschaftler der Antike, in der berühmten Bibliothek mit ihren enormen Beständen war das gesamte Wissen des Altertums gespeichert. Im späten 4. und frühen 5. Jahrhundert n. Chr. wirkte in Alexandria die Mathematikerin, Astronomin und Philosophin Hypatia. Sie war die Tochter des bekannmten Mathematikers Theon, des letzten bekannten Wissenschaftlers, der am Museion wirkte. Hypatia wurde zwischen 350 und 370 geboren, das genaue Geburtsjahr ist leider nicht bekannt. Schon bald wurde die schöne und gebildete Frau, die auch eine herausragende Rednerin war, als Forscherin und Lehrerin bekannt. Sie galt als die führende Gelehrte ihrer Zeit und soll alle anderen Philosophen übertroffen haben. Hypatias Ruf war legendär, und sie lockte Schüler von überall an, Heiden genauso wie Christen – der berühmteste war der Philosoph, Schriftsteller und Bischof Synesios von Kyrene. Wir wissen, dass Hypatia Astrolaben konstruierte und die Lehren von Platon und Aristoteles interpretierte. Details ihrer eigenen Lehren sind aber leider nicht bekannt, auch ihre Werke sind nicht überliefert. Bekannt ist sie heute vor allem aufgrund der brutalen Umstände ihres Todes.

In Alexandria war es bereits im 4. Jahrhundert zu gewalttätigen Konflikten zwischen Christen und Heiden gekommen, die in der Zerstörung von paganen Kultstätten gipfelten, darunter des Serapeions, in dem sich eine der größten Bibliotheken der Antike befand. Diese Auseinandersetzungen fanden im frühen 5. Jahrhundert einen neuen Höhepunkt, als im Jahr 412 Kyrill zum neuen Patriarchen der Stadt ernannt wurde. Weil Kyrill rücksichtslos und brutal gegen die Juden in Alexandria vorging, kam es zu einem Konflikt mit dem Stadtpräfekten Orestes. In diesen Machtkampf wurde nun auch Hypatia verwickelt, da sie mit Orestes befreundet war und diesem auch als Beraterin diente. Als prominente Vertreterin heidnischer Gelehrsamkeit, Angehörige der paganen Minderheit und nicht zuletzt als hochgebildete, öffentlich auftretende Frau geriet sie in den Fokus von Kyrill. Die Philosophin wurde zum Ziel von Verleumdungskampagnen – mit Zauberei habe sie den Präfekten verführt, und es sei nicht nur ihre Schuld, dass dieser nicht mehr den Gottesdienst besuche, sondern auch, dass er gegenüber dem Patriarchen eine so unversöhnliche Haltung einnehme.

Im März des Jahres 415 kam es schließlich zur Katastrophe. Unter der Führung eines Lektors namens Petros versammelte sich der christliche Mob und lauerte der Philosophin auf dem Heimweg auf. Nach einer anderen Überlieferung drangen die Fanatiker in ihr Haus ein und zerrten sie heraus. Hypatia wurde in die Kirche Kaisarion gebracht, wo sich einst eine Stätte des römischen Kaiserkults befunden hatte. Dort rissen ihr die Christen die Kleider vom Leib und töteten sie mit Tonscherben (Ostraka). Auch die Augen soll man ihr ausgestochen haben. Nach einer abweichenden Quelle soll sie nackt durch die Straßen von Alexandria geschleift worden sein, bis sie starb. Anschließend zerstückelte man ihre Leiche und verbrannte die Körperteile.

Ob Kyrill ihren Mord befohlen hat, ist bis heute umstritten. Auf jeden Fall konnten die Täter davon ausgehend, dass der Patriarch, der später heiliggesprochen wurde und als Kirchenvater gilt, das Verbrechen billigte. Gegen die Täter wurde Anklage erhoben, da Richter und Geschworene bestochen wurden, konnten sie ihrer gerechten Strafe jedoch entgehen.

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