Im Jahr 509 v. Chr. soll ein einzelnes Verbrechen eine ganze Epoche beendet haben. Die Geschichte von Lucretia, einer tugendhaften Römerin, die nach ihrer Vergewaltigung durch den Königssohn Sextus Tarquinius Selbstmord beging, wurde zum Auslöser für den Sturz der römischen Monarchie und die Gründung der Republik.
Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. stand Rom der Überlieferung nach unter der Herrschaft von Königen etruskischer Herkunft. Der siebte und letzte dieser Regenten war Tarquinius Superbus, der nach dem Mord an seinem Vorgänger und Schwiegervater Servius Tullius auf den Thron gekommen war. Tarquinius Superbus erweiterte das römische Herrschaftsgebiet und initiierte wichtige Bauprojekte wie den Jupitertempel auf dem Kapitol und die Abwasserkanäle der Stadt (Cloaca maxima). Doch seine Herrschaft war ungerecht und grausam, und daher formierte sich eine immer stärker werdende Opposition gegen den tyrannischen Herrscher. Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich ein Vorfall, in welchen der Königssohn Sextus Tarquinius verwickelt war.
Als die Römer die Stadt Ardea belagerten, saßen eines Abends deren Anführer, darunter die Söhne des Tarquinius Superbus und deren Verwandter Collatinus beim Gelage im Feldlager zusammen. Als das Gespräch auf die Tugend ihrer Ehefrauen kam, lobte besonders Collatinus die Sittsamkeit seiner Gattin Lucretia. Er war es auch, der schließlich vorschlug, man solle unangekündigt nachsehen, was die Frauen tatsächlich gerade machten. Während die Gemahlinnen der Prinzen mit ihren Freundinnen verschwenderische Gelage feierten, trafen sie Lucretia, die Frau des Collatinus, noch spät in der Nacht beim Schein von Öllampen in der Gesellschaft ihrer fleißigen Mägden beim Spinnen von Wolle an. Damit hatte Collatinus den Wettstreit um die tugendhafteste Gemahlin gewonnen, und er lud seine Gefährten zu einem Abendmahl ein. Während diese in seinem Hause schmausten, wurde der Königssohn Sextus Tarquinus vom Verlangen nach Lucretia ergriffen, wobei ihn nicht nur deren Schönheit, sondern auch deren nachgewiesene Tugend reizte. Einige Tage später reiste er erneut zum Haus des Collatinus – diesmal allein und ohne dessen Wissen. Er wurde gastfreundlich aufgenommen und bewirtet und im Gästezimmer untergebracht. Als in der Nacht alle Bewohner des Hauses schliefen, schlich er zu Lucretia. Er konnte sie jedoch weder durch Liebesschwüre noch durch Drohungen mit dem Schwert gefügig machen. Doch dann drohte Sextus Tarquinius, sie erst zu töten und wenn dann auch noch einen Sklaven zu ermorden und nackt neben sie zu legen, damit alle glaubten, sie habe mit dem Unfreien Ehebruch begangen und sei in flagranti dabei erwischt und daher getötet worden. Aus Angst vor dieser Schande gab Lucretia ihren Widerstand auf. Nachdem er sich an ihr vergangen hatte, ritt Sextus Tarquinius davon. Lucretia aber sandte einen Boten zu ihrem Vater und ihrem Ehemann und bat sie, jeweils gemeinsam mit einem vertrauten Freund zu kommen. Als alle anwesend waren, erzählte ihnen Lucretia, was geschehen war. Sie trösteten die geschändete Frau und sprachen sie von jeder Schuld an dem Vorfall frei. Lucretia nahm ihnen das Versprechen ab, die Tat zu rächen. Anschließend nahm sie einen Dolch, den sie in ihrem Kleid versteckt hatte, und stieß sich diesen mit den Worten, dass keine Frau, welche ihre Ehre verloren habe, unter Berufung auf sie weiterleben solle, ins Herz. Lucius Junius Brutus, der als Begleiter von Collatinus gekommen war, zog daraufhin das Messer aus dem Körper der Toten und schwor bei deren Blut, dass er nicht eher ruhen wolle, als dass er Tarquinius Superbus und seine gesamte Nachkommenschaft vertrieben habe. Lucretia wurde auf Marktplatz von Collatina, wo das Verbrechen geschehen war, aufgebahrt, und bald fand sich eine empörte Menschenmenge ein. Unter der Führung des Brutus zog diese anschließend in Waffen nach Rom. Dort hielt Brutus auf dem Forum eine flammende Rede gegen die Tarquinier und prangerte all deren Untaten an. Das Volk erkannte diesen daraufhin die Herrschaft ab, und als Tarquinius kurz darauf vom Feldlager nach Rom kam, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen, fand er die Tore der Stadt verschlossen vor und zog sich daraufhin nach Caere zurück. Collatinus und Brutus wurden nun zu den beiden ersten Konsuln der jungen römischen Republik.
Lucretias Geschichte ist mehr als eine tragische Episode. Sie verkörpert die römische Vorstellung von weiblicher Sittsamkeit familiärer Ehre und politischer Selbstermächtigung. Lucretia galt in der Antike als Beispiel für virtus und pudicitia –Tugend und weibliche Keuschheit In der römischen Geschichtsschreibung wird der Mythos bewusst genutzt, um die Republik moralisch über die Monarchie zu stellen. In der Renaissance wurde diese Geschichte zum Symbol politischer Selbstbestimmung. In der Moderne hingegen wird das Narrativ zunehmend kritisch hinterfragt – als Beispiel für die patriarchale Instrumentalisierung weiblicher Körper in politischen Mythen, aber auch als frühes Zeugnis einer von Gewalt in Machtverhältnissen durchdrungenen Gesellschaft.
Quelle
Livius, Ab urbe condita 1, 57-60

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