Eine verhängnisvolle Affäre

Im klassischen Athen durfte man Ehebrecher straflos töten. Doch der Mord an Eratosthenes wirft Fragen auf: Tat der gehörnte Ehemann nur der Gerechtigkeit Genüge oder beging er unter dem Deckmantel eines alten Gesetzes einen brutalen Rachemord?

Um das Jahr 400 v. Chr. oder kurz danach stand in Athen ein Mann namens Euphiletos vor Gericht. Er wurde beschuldigt, einen gewissen Eratosthenes erschlagen zu haben. Dessen Verwandte hatten ihn wegen Mordes angeklagt, denn im klassischen Griechenland existierte kein öffentlicher Ankläger, der ein solches Verfahren von Amts wegen eingeleitet hätte. Im Falle eines Schuldspruches drohte Euphiletos die Todesstrafe – es sei denn, er entschloss sich dazu, sich durch den freiwilligen Gang ins lebenslange Exil dem Urteil zu entziehen.

Dass er Eratosthenes getötet hatte, stand außer Frage und wurde von ihm auch freimütig zugegeben – Euphiletos behauptete jedoch, dass diese Tat zu Recht geschehen war! Dies legte er in seinem Plädoyer dar, welches er sich vom berühmten Redenschreiber Lysias hatte verfassen lassen und das uns heute noch erhalten ist. Er berief sich darin auf ein altes Gesetz, das der berüchtigte Gesetzgeber Drakon mehr als 100 Jahre früher erlassen hatte: Dieses gestattete, einen Ehebrecher straflos zu töten, wenn man ihn auf frischer Tat bei der eigenen Ehefrau, der Mutter, der Schwester oder der Tochter ertappte.

Die Ehefrau war im klassischen Athen zur ehelichen Treue verpflichtet, dem Mann war außerehelicher Geschlechtsverkehr durchaus erlaubt, wenn er etwa mit einer Sklavin geschah. Hatte er jedoch Sex mit einer freien Frau, machte er sich strafbar. Wurde er dabei inflagranti erwischt, konnte er getötet werden. Freilich musste dies nicht zwangsläufig geschehen: Der betrogene Ehemann, konnte sich auch mit einer Geldbuße zufriedengeben.

Euphiletos schilderte dem Gericht, dass Eratosthenes sich einige Zeit zuvor an seine Frau herangemacht habe, die er beim Begräbnis ihrer Schwiegermutter gesehen hatte. Über eine Haussklavin, die seine Botschaften übermittelte, habe er Kontakt mit ihr aufgenommen. In der Folgezeit trafen sich die beiden dann wiederholt im Haus des Euphiletos – sogar wenn dieser zuhause war! Dies war möglich, weil Euphiletos im oberen Stock wohnte, während die Gemächer seiner Frau im Erdgeschoss waren. Die Wahrheit kam ans Licht, als eine fremde Sklavin Euphiletos über das Verhältnis seiner Frau aufklärte. Gesandt hatte sie eine frühere Geliebte des Eratosthenes – eine Frau, die er einst für Euphiletos’ Gattin verlassen hatte. Nun stellte Euphiletos seine eigene Sklavin zur Rede. Zunächst bedrohte er sie mit der Peitsche, dann versprach er ihr Straffreiheit. Daraufhin packte sie aus.

Als Eratosthenes das nächste Mal heimlich seine Geliebte aufsuchte, gab die Sklavin ihrem Herrn Bescheid, dass der Ehebrecher nun im Hause sei, worauf dieser rasch einige Zeugen zusammenrief und mit diesen gemeinsam in das Gemach seiner Frau eindrang. Dort fanden sie Eratosthenes nackt im Bett der Frau des Euphiletos. Der gehörnte Ehemann stürzte sich sofort auf seinen Nebenbuhler und schlug ihn nieder. Anschließend wurde Eratosthenes gefesselt. Er flehte um sein Leben und bot eine Geldbuße an. Doch Euphiletos lehnte ab und sagte pathetisch: „Nicht ich werde dich töten, sondern das Gesetz der Stadt,das du übertreten und geringer als dein Vergnügen erachtet hast!“ Dann erschlug er ihn.

Vor Gericht betonte Euphiletos, dass er Eratosthenes weder absichtlich in eine Falle gelockt hätte, noch dass diesem zunächst die Flucht auf die Straße oder an den Herd des Hauses gelungen wäre. In all diesen Fällen wäre die Tötung des Ehebrechers nicht mehr gerechtfertigt gewesen. Offensichtlich wurde ihm beides vorgeworfen.

Wie im Falle aller attischen Gerichtsreden wissen wir leider nicht, wie diese Verhandlung endete. Ist es dem Täter gelungen, die Richter, die keine ausgebildeten Juristen, sondern per Los bestimmte einfache Bürger waren, von seiner Version der Geschichte zu überzeugen? Hat er es mit seinem emotionalen Plädoyer geschafft, dass sich die Richter mit dem betrogenen und empörten Ehemann identifizierten und seine Tat guthießen? Und was geschah in diesem Fall mit der Ehefrau des Euphiletos? Hat er sie, wie es das Gesetz für eine Ehebrecherin  vorsah, anschließend verstoßen? Oder hat er ihr großmütig verziehen, was für ihn allerdings den Verlust der Bürgerrechte bedeutet hätte? Wir werden es ebenso wenig erfahren wie das, was an jenem mörderischen Abend vor mehr als 2400 Jahren in Athen tatsächlich geschehen ist.

Quelle:

Lysias, Verteidigungsrede im Mordfall Eratosthenes (1. Rede)

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