Mörder auf dem Kaiserthron

Nero gilt als Inbegriff des wahnsinnigen Caesaren. Zahlreiche Verbrechen werden ihm vorgeworfen, darunter auch drei Morde, die als besonders schändlich gelten. So soll der römische Kaiser nicht nur seinen Stiefbruder und seine Ehefrau getötet haben, sondern sogar den Mord an seiner eigenen Mutter veranlasst haben. Dabei sollte sogar ein Schiff als Mordwaffe dienen.

Unter den römischen Kaisern hat Nero einen besonders schlechten Ruf. Bereits in den antiken Quellen begegnet er als größenwahnsinniger Tyrann, Brandstifter und Christenverfolger. Freilich konnte mittlerweile manche Überlieferung als Fiktion entlarvt werden, so etwa Neros Beteiligung am Brand Roms. Gerade die ersten Jahre seiner Herrschaft wurde von den Zeitgenossen sogar als eine besonders glückliche Zeit empfunden, und beim einfachen Volk war der Kaiser, der sich auch durch kluge politische Entscheidungen auszeichnete, äußerst beliebt. Nichtsdestotrotz kann es als sicher gelten, dass Nero direkt an mehreren Morden beteiligt war. Drei davon waren bereits nach Ansicht der antiken Menschen besonders verwerflich, da sie seine engsten Familienmitglieder betrafen.

Brudermord

Zwar hatte Nero nach dem Tod seines Stiefvaters Claudius (siehe dazu hier) den römischen Kaiserthron bestiegen, doch stellte Britannicus, der leibliche Sohn des Claudius, eine gewisse Gefahr für ihn dar. Daher beschloss er wohl, diesen kurz vor dessen 14. Geburtstag, der das Erreichen der Volljährigkeit bedeutete, aus dem Weg zu räumen. Wie beim Mord an Claudius bediente sich der Täter angeblich der Dienste der berüchtigten Giftmischerin Locusta. Im Februar 55 n. Chr. wurde der raffinierte Mordplan bei einem Abendessen im Kaiserpalast in die Tat umgesetzt. Dabei wurde dem jungen Prinzen zunächst unvergiftetes Wasser serviert, das sein Vorkoster testete. Da angeblich wenige Wochen zuvor bereits ein Giftanschlag auf Britannicus gescheitert war, wurden nun nämlich jede Speise und jedes Getränk sorgfältig überprüft. Das Wasser war jedoch extrem heiß, und Britannicus befahl daher, dass man kaltes Wasser beimischen sollte. Und in diesem kalten Wasser, dass man vorzukosten vergaß, befand sich nun das todbringende Mittel. Binnen Minuten wirkte das Gift. Britannicus bekam keine Luft mehr und wand sich in Krämpfen. Die Erklärung Kaiser Neros, sein Stiefbruder habe einen epileptischen Anfall erlitten und sei daran verstorben, wurde schon in der Antike bezweifelt. Dazu passt, dass der Leichnam des Britannicus noch in derselben Nacht verscharrt wurde. Ob die schnelle Bestattung auch deswegen geschah, weil der Leichnam dunkle Verfärbungen aufwies, die von der Vergiftung herrührten, wie eine antike Quelle berichtet, muss unklar bleiben.

Muttermord

Das abscheulichste Verbrechen, das Kaiser Nero vorgeworfen wurde, war der Mord an seiner Mutter Agrippina. Obwohl Agrippina die Jüngere durch den Mord an ihrem Gatten Kaiser Claudius ihrem Sohn einst vorzeitig auf den Thron verholfen haben soll, entschloss sich Nero schließlich, sich seiner Mutter zu entledigen. Die genauen Motive für diese Tat sind unklar, vielleicht fühlte er sich von ihr eingeschränkt oder bedroht, möglicherweise wollte er die Macht nicht mehr mit ihr teilen, oder er hatte genug davon, dass sie seine Beziehung mit Poppaea (siehe zu dieser weiter unten) nicht billigte. Angeblich hatte er zuerst wieder an Gift gedacht, ließ diese Idee aber wieder fallen. Sein Berater, der Freigelassene Anicetus, riet ihm angeblich dazu, den Mord wie einen Unfall aussehen zu lassen. Angeblich kam der Herrscher bei einem Theaterbesuch auf die Idee für eine tödliche Falle: Als Mordwerkzeug sollte ein präpariertes Schiff dienen, das auf hoher See auseinanderbrechen und sinken und die Kaiserinmutter mit sich in die tiefe reißen sollte.

Der Anschlag war für die Zeit eines Festes zu Ehren der Göttin Minerva, das Im März 59 n. Chr. in Baiae stattfand, geplant. Nero lud seine Mutter zu einem Festmahl ein, nach welchem sie mit dem Schiff, das Nero für sie bereitgestellt hatte, wieder zu ihrer Villa fahren wollte. Als das Schiff auf dem Meer war, wurde der versteckte Mechanismus aktiviert, der allerdings nicht wie geplant funktionierte: Zwar begann das Schiff zu sinken, doch brach es nicht, wie vorgesehen, auseinander. Acerronia Pollia, eine Begleiterin der Agrippina, schrie laut um Hilfe und gab sich dabei als die Kaiserinmuttter aus. Prompt wurde sie daraufhin von Neros Männern erschlagen. Die echte Agrippina konnte sich jedoch aus dem sinkenden Schiff retten und erreichte wohlbehalten das Ufer. Als sie wieder in ihrem Landsitz war, wusste sie, dass ihr Sohn versucht hatte, ihr das Leben zu nehmen. Doch wie sollte sie darauf reagieren? Agrippina beschloss, Nero glauben zu lassen, sie habe ihn nicht durchschaut, und schickte einen Boten zum Kaiser, der melden sollte, sie habe einen unglücklichen Schiffbruch wohlbehalten überstanden. Doch während dieser Bote, der Freigelassene Lucius Agermus, noch unterwegs zu Nero war, hatte dieser bereits erfahren, dass seine Attentatspläne gescheitert waren. Der Imperator schickte Anicetus mit einem Trupp bewaffneter Soldaten los, um Agrippina endgültig aus dem Weg zu schaffen. Nachdem diese aufgebrochen waren, erreichte deren Bote Agermus den Kaiser. Als dieser seine Botschaft vortrug, reagierte Nero prompt: Er warf dem Freigelassenen ein Schwert zwischen die Beine und beschuldigte ihn, im Auftrag seiner Mutter einen Anschlag auf ihn verüben zu wollen. Der Unglückliche wusste wohl nicht, wie ihm geschah, als er sofort verhaftet wurde. In den Quellen erfahren wir nichts Weiteres über sein Schicksal. In der Zwischenzeit  erreichte Anicetus mit seinen Männern die Villa der Agrippina. Die Soldaten brachen in das Gemach der Kaiserinmutter ein, die angeblich noch ihren Bauch angeboten haben soll: „Stoß hierhin!“ Dann wurde sie von den Soldaten ihres Sohnes ermordet. Nero ließ öffentliche Dankfeste feiern, dass er einem Attentat entgangen sei, an dessen Jahrestag hinkünftig Zirkusspiele stattfinden sollten. Die Statuen der toten Kaiserinmutter wurden gestürzt. Schon bald verbreitete sich aber auch im Volk das Gerücht, dass Nero am Tod seiner Mutter schuld sei. Der Muttermord galt als ein besonders schändliches Verbrechen, und der Regent wurde dafür in zahlreichen Graffiti geschmäht.

Gattinnenmord

Ein dritter Mord, für den Nero wohl verantwortlich war, ist jener an seiner Gattin Poppaea Sabina. Diese galt als eine der schönsten Frauen Roms. Sie hatte rotblondes Haar und äußerst helle Haut. Ihren Teint pflegte sie durch das tägliche Bad in der Milch von 500 Eselinnen. Zudem war Poppaea gebildet, charmant und eloquent. Antike Quellen heben ihren ironischen Witz hervor. Kein Wunder also, dass sich Nero rettungslos in Poppaea verliebte, der man auch eine unstillbare Luxussucht und ein zügelloses, lasterhaftes Leben vorwarf. Doch unglücklicherweise war er noch mit Octavia und Poppaea mit Neros Freund Otho verheiratet. Dennoch wurden die beiden ein Liebespaar. Daraufhin schickte Nero Otho als Statthalter nach Lusitanien auf die Iberische Halbinsel und ließ sich selbst nach dem Mord an seiner Mutter, die gegen das Verhältnis war, von Octavia scheiden, welcher er einen angeblichen Ehebruch vorwarf. Nur drei Wochen nach der Scheidung heiratete Nero Poppaea. Doch Octavia, die beim Volk beliebt war, wurde vom Kaiserpaar offenbar immer noch als Gefahr betrachtet. Daher entwickelte Nero einen hinterhältigen Plan: Zunächst ließ er seinen Flottenkommandanten Anicetus verkünden, dieser habe ein Verhältnis mit Octavia gehabt. Dann gab Nero bekannt, dass Octavia nicht nur das Kind, welches sie angeblich von Anicetus erwartete, abgetrieben habe. Außerdem habe sie einen Staatsstreich gegen ihn geplant. Daher ließ er seine Ex-Frau auf die Insel Pandateria verbannen. Doch sollte sie dort nicht lange am Leben bleiben: Nur wenige Tage nach ihrer Ankunft, im Juni 62 n. Chr., erhielt sie Besuch von Neros Soldaten, die sie zunächst fesselten und ihr in einem heißen Bad sodann die Pulsadern öffneten. Als sie tot war, schnitten ihr die kaiserlichen Schergen den Kopf ab, um ihn zu Poppaea zu bringen.

Das Liebesglück von Nero und Poppaea schien perfekt, als die neue Kaiserin im Januar 63 eine Tochter namens Claudia zur Welt brachte. Als diese jedoch mit gerade einmal vier Monaten starb, war Nero von Trauer überwältigt. Zwei Jahre später war Poppaea erneut schwanger, doch sie verstarb während der Schwangerschaft. Möglicherweise kam sie bei einer Fehlgeburt ums Leben. Doch manche Quellen berichten, dass die Ursache ihres Todes ein Fußtritt war, den Kaiser Nero seiner schwangeren Gattin im Affekt versetzt haben soll. Angeblich habe er die Beherrschung verloren, als sie ihm Vorwürfe machte, dass er erst spät in der Nacht von einem Wagenrennen nach Hause kam. Geplant war diese Tat nicht, denn Nero hatte seine Frau wirklich geliebt und versank nun in tiefe Trauer. Er ließ den Leichnam von Poppaea einbalsamieren und im Augustusmausoleum bestatten. Anschließend wurde sie durch einen Senatsbeschluss zur Göttin erhoben.

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