Besonders Politiker lebten in der Antike oft geführlich. Im Sommer 411 v. Chr. fiel der einflussreiche Oligarch Phrynichos mitten in Athen einem Anschlag zum Opfer. Sein Mörder wurde dafür nicht bestraft, sondern von der Stadt geehrt.
Im Jahr 411 v. Chr. kam es in Athen zu einem Staatsstreich. Zwei Jahre nach der so katastrophal gescheiterten Flottenexpedition nach Sizilien schafften es eine oligarchische Gruppierung, die Macht an sich zu reißen. Die Regierungsgeschäfte wurden nun einem Rat von 400 Mitgliedern übertragen, der alle Befugnisse hatte, während die Volksversammlung entmachtet wurde.
Zu den Anführern der Oligarchen, die nun über Athen regierten, gehörte Phrynichos. Dieser hatte im Jahr zuvor als Stratege in der Seeschlacht von Milet einen Sieg der Athener über die Milesier, Spartaner und Perser erringen, das Abfallen Ioniens vom attischen Seebund aber nicht verhindern können. Nun wurde er gemeinsam mit dem Redner Antiphon auf eine Mission zu den Spartanern geschickt, um mit diesen einen Frieden auszuhandeln. Die Gesandtschaft scheiterte allerdings. Kurz nach seiner Rückkehr fiel Phrynichos auf dem Marktplatz in Athen einem Attentat zum Opfer.
Nicht weit vom Rathaus (bouleuterion) entfernt, aus dem er gerade gekommen war, wurde er tödlich verwundet und verstarb unverzüglich, wie der Geschichtsschreiber Thukydides in seinem Peloponnesischen Krieg (8, 92) berichtet. Dem antiken Historiker zufolge sei der Täter, angeblich ein Angehöriger der Grenzwachen (peripoloi), entkommen, sein Komplize, ein Mann aus Argos, wurde jedoch ergriffen. Doch selbst unter Folter gab dieser den Namen des Täters nicht preis, sondern machte nur vage Angaben über verschwörerische Zusammenkünfte im Haus des Kommandanten der Grenzwachen. Die Ermittlungen durch die oligarchischen Machthaber verliefen daher bald im Sand.
Der Redner Lysias spricht in seiner einige Jahre nach den Ereignissen gehaltenen Rede gegen den Denunzianten Agorakritos (Lysias 13, 70-76) dagegen davon, das Thrasybulos von Kalydon und Apollodoros von Megara den Phrynichos an jenem Tag dem Phrynichos nachgestellt hätten. Thrasybulos habe schließlich den Oligarchen angegriffen und getötet, während Apollodoros an der eigentlichen Tat nicht beteiligt gewesen sei. Als die Tat entdeckt wurde und ein Tumult entstand, hätten sich die beiden aus dem Staub gemacht.
Diese beiden Täter nennt auch einige Jahre später Lykurgos in seiner Rede gegen Leokrates (112f.). Der Redner behauptet allerdings, der Mord sei nachts an einer Quelle geschehen. Lykurgos zufolge seien die Täter von Freunden des Phrynichos ergriffen und ins Gefängnis geworfen worden. Das Volk habe die beiden jedoch befreit. Der erst in römischer Zeit tätige Biograph Plutarch erwähnt den Mord an Phrynichos schließlich in seiner Lebensbeschreibung des Alkibiades nur beiläufig und nennt einen peripolos namens Hermon als Täter.
Wie lassen sich diese teils widersprüchlichen Überlieferungen zu einem stimmigen Bild zusammenfügen? Vermutlich geschah der Mord auf der Agora, dem Hauptplatz des klassischen Athen. Eine Beteiligung der attischen Grenzwachen an dem Attentat ist durchaus wahrscheinlich, und es ist anzunehmen, dass Thrasybulos aus Kalydon der Täter war. Dies wird auch durch eine Inschrift nahegelegt, die wohl auf diesen Anschlag Bezug nimmt.
Einige Zeit nach der Tat kam es zu einer Untersuchung des Vorfalls und zu einem öffentlichen Prozess, bei dem zahlreiche Verfehlungen des Phrynichos ans Licht kamen. Daraufhin wurde die Leiche des ermordeten Politikers wieder ausgegraben und unter dem Vorwurf des Landesverrats außerhalb der Grenzen Attikas gebracht. Sein Haus wurde verwüstet, sein Vermögen eingezogen. Dem Mörder wurden dagegen durch die Stadt Athen, die inzwischen wieder von Demokraten regiert wurde, öffentliche Ehren zuteil, wie eine heute noch erhaltene Inschrift belegt: Er wurde mit einem goldenen Kranz ausgezeichnet und erhielt das athenische Bürgerrecht (IG I³ 102). Als Grund für diese Ehren werden seine Wohltaten für die Stadt und das Volk der Athener genannt. Auch wenn der Mord an Phrynichos nicht direkt erwähnt werden, so ist davon auszugehen, dass dieser damit gemeint ist. Außer Thrasybulos werden noch andere Männer genannt, die ebenfalls an diesen „Wohltaten“ beteiligt waren.
Es ist vermutet worden, dass Thrasybulos und seine Komplizen nicht aus eigenem Antrieb handelten. Vielmehr ist anzunehmen, dass sie für das Attentat bezahlt wurden. Doch wer waren die Auftraggeber? Dass die Mörder nach Wiedererrichtung der Demokratie von der Stadt geehrt wurden, könnte ein Indiz dafür sein, dass demokratische Hintermänner die Meuchelmörder engagierten. Doch noch wahrscheinlicher ist es, dass Spannungen innerhalb des oligarchischen Regimes zu diesem Anschlag führten und Angehörige des gemäßigten Flügels des Rates der Vierhundert ihren radikalen Widersacher Phrynichos beseitigen ließen.

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