Tödliche Familienintrigen

Giftmorde, Abtreibungen, Testamentsfälschung und die Bestechung von Richtern – in einer meisterhaften Prozessrede schildert Cicero eine ebenso erschütternde wie mörderische Familiengeschichte, die sich im apulischen Städtchen Larinum zugetragen haben soll.

Im Jahr 66 v. Chr. trat Marcus Tullius Cicero, der in diesem Jahr mit der Prätur auch eines der höchsten Staatsämter bekleidete, als Verteidiger in einem spektakulären Prozess auf. Sein Mandant Aulus Cluentius Habitus wurde von der eigenen Mutter Sassia beschuldigt, seinen Stiefvater Statius Abbius Oppianicus mit Gift ermordet zu haben. Außerdem warf man ihm vor, in einem früheren Prozess des Jahres 74 v. Chr., in dem Oppianicus des Mordversuchs an seinem Stiefsohn Habitus schuldig gesprochen worden und danach ins Exil geschickt worden war, die Richter bestochen zu haben. Nach wenigen Jahren in der Verbannung kam Oppianicus ums Leben. Nach Ansicht von Sassia steckte ihr eigener Sohn Habitus hinter dem Tod des Oppianicus.


In seiner Verteidigung geht Cicero zunächst gar nicht auf diesen Vorwurf ein, sondern versucht dessen Ruf und das Ansehen der Sassia zu zerstören, um die Rechtschaffenheit seines eigenen Klienten herauszustreichen. Cicero stellt Oppianicus als einen skrupellosen Serienmörder dar, der keine moralischen Grenzen kennt, und Sassia als durch und durch korrupte Person, die ihrem Gatten an Verderbtheit in nichts nachstand.

So soll Oppianicus bereits seine erste Frau Cluentia ermordet haben. Über Oppianicus den Jüngeren, den Sohn aus seiner zweiten Ehe mit Magia Auria, wollte er an das Vermögen seiner Schwiegermutter Dinaea kommen. Er änderte nicht nur deren Testament zugunsten seines Sprösslings, sondern ermordete auch Dinaea und deren Sohn Marcus Aurius. Zudem vergiftete er seinen eigenen Bruder und dessen schwangere Frau, um an deren Vermögen zu kommen. Als sein Schwager Gnaeus Magius starb, der sein per Testament seinen ganzen Besitz seinem noch ungeborenen Sohn hinterließ, bestach Oppianicus dessen Witwe, worauf diese eine Abtreibung vornehmen ließ, und heiratete sie anschließend. Als diese Ehe nach kurzer Zeit scheiterte, hatte er ein homosexuelles Verhältnis mit einem gewissen Asuvius, den er ebenfalls ermordete, nachdem dieser ihn per Testament als Erben eingesetzt hatte. Als nächstes fiel sein Auge auf Sassia, die Witwe seines Schwagers Aulus Cluentius Habitus des Älteren. Diese war jedoch in ihren eigenen Schwiegersohn Melinus verliebt und zwang ihre Tochter, sich von diesem scheiden zu lassen, damit Sassia seine Frau werden konnte. Oppianicus ließ Melinus jedoch ermorden und heiratete selbst Sassia – nicht ohne vorher seine eigenen beiden jüngeren Söhne aus dem Weg zu räumen, da diese Sassia störten. Anschließend wollte Oppianicus seinen Stiefsohn Aulus Cluentius Habitus (den Jüngeren) töten, sein Anschlag mit vergiftetem Wein scheiterte jedoch, worauf Habitus seinen Stiefvater vor Gericht brachte und dessen Verbannung erwirkte. Besonders brisant ist, dass Cicero bei den damaligen Prozessen erfolglos einen Freigelassenen namens Scamander, einen Komplizen des Oppianicus, verteidigt.

Erst zum Schluss seiner Rede kommt Cicero auf die seinem Mandanten vorgeworfenen Morde zu sprechen. Er stellt die Anklagen als lächerlich dar, weil Habitus für diese Taten keinerlei Motive habe und für dessen Beteiligung es auch keine Beweise gebe. Er weist den Verdacht beiseite, Habitus habe den C. Vibius Capax, den er beerbte, durch Gift beseitigt. Ebenso bestreitet er, Habitus sei der Drahtzieher eines Giftanschlags auf Oppianicus den Jüngeren gewesen, der auf seiner eigenen Hochzeit ermordet werden sollte. Nur ein glücklicher Zufall habe ihn vor dem Tod bewahrt: Sein Freund Balbutius habe versehentlich den Becher getrunken, der für Oppianicus gedacht war, und sei sofort gestorben. Genauso unschuldig sei Habitus am Tod des älteren Oppianicus: Dieser sei in Verbannung gestorben, nachdem er vergiftetes Brot gegessen habe. In Wahrheit sei Oppianicus, so Cicero, aber an den Folgen eines Sturzes vom Pferd gestorben. Doch seine Witwe Sassia, habe aus Rache jahrelang eine Intrige gegen ihren Sohn gespronnen und sei die treibende Kraft, die Habituss nun vor Gericht begracht habe.

Ciceros Strategie ging voll auf. Er konnte einen Freispruch für seinen Klienten erwirken. Wieviel von den Vorwürfen, die er gegen den verstorbenen Oppianicus erhob, tatsächlich wahr waren, muss offen bleiben. Seine Rede wurde jedenfalls bereits in der Antike als ein Meilenstein erfolgreicher Rhetorik vor Gericht gefeiert.

Quelle:

Cicero, Für Cluentius (Pro Cluentio)

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