Der berühmte attische Redner Antiphon verfasste die Verteidigungsrede für den wegen Mordes angeklagten Euxitheos aus Mytilene. Dieses Plädoyer, das als ein Meisterwerk der Gerichtsrhetorik gilt, präsentiert einen besonders rätselhaften Fall: Nach einem Trinkgelage an Bord eines Schiffes verschwand ein Mann spurlos. Wurde er Opfer eines Mordes?
Was war geschehen?
Euxitheos reiste um das Jahr 415 v. Chr. mit dem Schiff von Mytilene nach Ainos in Thrakien, wo sein Vater wohnte. Gemeinsam mit ihm an Bord befand sich der athenische Bürger Herodes. Aufgrund eines Sturmes mussten sie ihre Fahrt schon nach kurzer Zeit unterbrechen und in der Gegend von Methymna vor Anker gehen. Da ihr Schiff kein Verdeck hatte, begaben sich Euxitheos und Herodes am Abend auf ein anderes Schiff, das ebenfalls dort lag und eine überdachte Kabine aufwies. Dort konsumierten sie größere Mengen Wein. Irgendwann im Laufe der Nacht verließ Herodes das Schiff und kehrte nicht wieder zurück, Euxitheos blieb dagegen bis zum Morgen auf dem zweiten Boot. Am nächsten Morgen fehlte von Herodes jede Spur, selbst eine intensive Suche blieb erfolglos. Daher segelte Euxitheos, der sich selbst auch an dieser Suche beteiligt hatte, schließlich weiter nach Ainos.
Der Prozess
Als Euxitheos aber wieder in seine Heimatstadt Mytilene zurückkehrte, wurde er auf Betreiben der Verwandten des Herodes festgenommen und nach Athen gebracht, wo ihm der Prozess gemacht wurde. Die Angehörigen des Verschwunden warfen Euxitheos vor, er habe Herodes mit einem Stein erschlagen und dann die Leiche ins Meer geworfen. Sie stützten ihre Anklage auf die Aussage eines Sklaven, der unter Folter gestanden hatte, dass er gemeinsam mit Euxitheos den Mord begangen habe. Außerdem besaßen sie ein Schreiben, in dem der Angeklagte angeblich die Tat zugab.
In seiner Verteidigungsrede bestritt Euxitheos jedoch vehement, irgendetwas mit dem Verschwinden des Herodes zu tun zu haben. Zunächst beklagte er sich jedoch über Rechtswidrigkeiten im gesamten Verfahrensablauf. Zum einen würde ihm nicht ein ordentlicher Mordprozess vor dem Areopag gemacht, sondern ein Schnellgerichtsverfahren, das auf der Agora verhandelt wird. Zudem kritisierte er, dass man ihn nicht gegen die Stellung von Bürgen auf freigelassen, sondern wegen angeblicher Fluchtgefahr bis zum Prozess in Haft gehalten habe.
Was die Mordvorwürfe betrifft, so betonte Euxitheos, dass es keine Beweise für seine Schuld gebe. Der Sklave sei zu einer Falschaussage gezwungen worden, die er anschließend widerrufen habe, als ihn die Angehörigen des Herodes, die ihn in der Zwischenzeit gekauft hatten, hinrichten ließen. Zudem habe ein anderer Zeuge, ein Besatzungsmitglied des Schiffs, auf dem Euxitheos mit Herodes am Abend gezecht hatte, bestätigt, dass der Angeklagte das Boot während der ganzen Nacht nicht verlassen habe. Und das Schreiben, in dem Euxitheos den Mord angeblich gestand, sei eine Fälschung der Verwandten des Opfers. Vor allem habe Euxitheos keinerlei Grund gehabt, Herodes zu töten. Er habe ihn nur zufällig auf der Reise kennengelernt, und auch die Aufenthalt in Methymna sei ein reiner Zufall und durch das schlechte Wetter bedingt gewesen. Auch den angeblich gegen ihn erhobenen Vorwurf, er habe Herodes im Auftrag eines anderen getötet, weist Euxitheos von sich. Vielmehr sei Herodes möglicherweise im Dunkeln betrunken ins Meer gestürzt und ertrunken, oder jemand anderer habe ihn getötet.
Antiphon versuchte in der Rede, die er für Euxitheos verfasst hat, die Beweisführung der Anklage zu entkräften. Ob es ihm gelungen ist, ausreichende Zweifel zu streuen und die Richter davon zu überzeugen, seinen Mandanten freizusprechen, wissen wir leider nicht. Es gibt keinerlei Quellen, die uns abgesehen von der Rede über diesen Fall und die beteiligten Personen berichten.
Fazit
Der Fall des Herodes zeigt eindrücklich, wie stark die Rechtsprechung im klassischen Athen von Rhetorik und öffentlicher Überzeugungskraft geprägt war. Wo materielle Beweise fehlten, entschieden Worte, Vermutungen und die Glaubwürdigkeit der Beteiligten. Ob sich die Ereignisse wirklich so zugetragen haben, bleibt ungewiss – vielleicht war es ein realer Prozess, vielleicht ein rhetorisches Konstrukt. Doch gerade diese Unsicherheit macht die Rede spannend: Sie führt uns vor Augen, dass die Grenze zwischen historischer Realität und literarischer Inszenierung in der Antike oft durchlässig war. Und sie erinnert uns daran, dass die Frage nach Wahrheit und Gerechtigkeit schon vor 2.500 Jahren nicht allein in Fakten lag, sondern im Wettstreit der Stimmen vor Gericht ausgehandelt wurde.
Quelle:
Antiphon, 5. Rede: Über den Mord an Herodes

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