Mord am Festtag – Der Tod wartet beim Bankett

Gerade zur Weihnachtszeit, wenn wir an feierlich gedeckten Tafeln zusammenkommen, erscheint uns die Vorstellung eines Mordes beim Festessen besonders abwegig. Wenn die Tafel geschmückt ist und alle bereit sind für Gemeinschaft und gutes Essen, dann rechnet niemand mit einem Verbrechen. Das gilt nicht nur heute, sondern noch mehr in der Antike, wo jedes Gastmahl auch eine religiöse Handlung war und unter dem Schutz der Götter stand. Nichtsdestotrotz wurde das heilige Gesetz der Gastfreundschaft immer wieder gebrochen, und auch bei Gelagen, Banketten und Symposien kam es wiederholt zu grausamen Verbrechen. Vom Giftmord an Kaiser Claudius oder dem verhängnisvollen Liebestrank war in früheren Beiträgen bereits die Rede. Diesmal sollen drei weitere Morde vorgestellt werden, die sich im Rahmen festlicher Tafelrunden ereigneten.

Ein König weint um einen Freund

Im Jahr 328 v. Chr. veranstaltete Alexander der Große in der baktrischen Stadt Marakanda ein Trinkgelage, zu welchem er auch seinen Gefährten und alten Jugendfreund Kleitos, genannt „der Schwarze“, eingeladen hatte. Dieser hatte dem makedonischen König bei der Schlacht am Granikos im Jahr 334 v. Chr. das Leben gerettet, als er im letzten Moment einen tödlichen Schwerthieb des persischen Satrapen Spithridates abwehrte. Nun sollte Kleitos die Satrapie Baktrien übernehmen – eine hohe Ehre und zugleich sein Todesurteil.

Der Wein floss reichlich, und der betrunkene Kleitos wurde zunehmend ausfällig gegenüber Alexander. Er stellte die Leistungen Philipps II. über die seines Sohnes und beschuldigte Alexander, die Perser gegenüber den Makedonen zu bevorzugen. Dann ging er noch weiter: Er prahlte damit, dass Alexander seinen Sieg am Granikos allein ihm, Kleitos, zu verdanken habe. Für den selbstbewussten Eroberer, der sich bereits als gottgleich betrachtete, war dies eine unerträgliche Kränkung. Andere Gäste versuchten, den aufgebrachten Kleitos aus dem Saal zu zerren, doch Alexander – in seinem Zorn – rief ihn zurück.

Die Freunde stritten weiter. Kleitos übte vermutlich auch Kritik an Alexanders Übernahme des persischen Hofrituals, das viele Makedonen als Verrat an ihrer Identität empfanden. Er reizte den ohnehin jähzornigen und bereits betrunkenen Herrscher solange, bis dieser im Affekt den Speer einer Wache schnappte und ihn auf den Freund schleuderte. Die Waffe fand ihr Ziel und tötete Kleitos auf der Stelle.

Alexander erkannte sofort, was er getan hatte. Er stürzte zu dem sterbenden Freund, zog den Speer aus dessen Körper – und wollte ihn gegen sich selbst richten. Nur das Eingreifen der anderen Männer im Raum verhinderte, dass der größte Feldherr seiner Zeit sich selbst tötete. Der Makedone soll danach noch tagelang untröstlich und von Schuldgefühlen geplagt gewesen sein. Er verweigerte Essen und Trinken, lag weinend auf dem Boden und rief immer wieder den Namen seines ermordeten Freundes.

Ein König als Giftmischer

Nicht immer war es der Affekt, der zum Mord beim Bankett führte. Manchmal war er kaltblütig geplant – und über Jahre hinweg perfektioniert.

Mithridates VI. (135 – 63 v. Chr.), der Herrscher des Reiches von Pontos, war ein erbitterter Gegner Roms und führte drei Kriege gegen die Römer, bis er schließlich von Pompeius dem Großen besiegt wurde. Doch Mithridates war nicht nur Feldherr – er war geradezu besessen von Giften. Er unternahm zahlreiche toxikologische Experimente und arbeitete zusammen mit seinem Leibarzt an einem Universalmittel gegen Gifte, das nach ihm als Mithridatikum bezeichnet wird.

Offenbar lebte der pontische König, dessen Vater bereits vergiftet worden war, in der ständigen Angst, selbst Opfer eines Giftanschlags zu werden. Er soll deshalb täglich kleine Dosen verschiedenster Gifte eingenommen haben, um sich selbst zu immunisieren. Diese Methode wird nach dem Herrscher auch als Mithridatisation bezeichnet. Seine Paranoia war nicht unbegründet – Gift war die Waffe der Wahl in den Machtkämpfen der hellenistischen Königreiche.

Seine toxikologischen Kenntnisse verwendete Mithridates jedoch nicht nur zur Selbstverteidigung, sondern auch zum Mord. Zahlreiche unliebsame Verwandte und Konkurrenten ließ er bei Banketten beseitigen – nach manchen Quellen über zwanzig Personen, darunter seine eigene Mutter Laodike, mehrere seiner Geschwister und sogar einige seiner eigenen Kinder. Die Festtafel wurde für ihn immer wieder zum Tatort der Wahl. So lud er etwa seinen Neffen Ariarathes VII., der über Kappadokien regierte, zu einem Gastmahl ein, wo er ihn töten ließ. Die Quellen verraten in den meisten Fällen nicht, wie diese Morde exakt durchgeführt wurden – ob durch Gift, durch gedungene Mörder oder durch andere Methoden. Wir können aber vermuten, dass der Giftexperte Mithridates sein Wissen häufig einsetzte.

Die grausame Ironie der Geschichte: Als Mithridates am Ende seines Lebens, im Jahr 63 v. Chr., von den Römern in die Enge getrieben wurde und seinem Leben mit Gift ein Ende setzen wollte, funktionierte dies nicht. Seine jahrelange Immunisierung hatte ihn resistent gegen sein eigenes Gift gemacht. Der Mann, der sein Leben der Angst vor Vergiftung gewidmet und Dutzende durch Gift ermordet hatte, konnte nicht durch Gift sterben. Er musste schließlich einen Soldaten bitten, ihn mit dem Schwert zu töten.

Verschwörung bei der Siegesfeier

Während Mithridates heimlich im Verborgenen mordete, geschah der nächste Mord offen vor allen Augen – als Höhepunkt einer psychologisch brillant geplanten Verschwörung.

Quintus Sertorius (123–72 v. Chr.) war ein Zeitgenosse von Mithridates. Der römische Feldherr und Politiker kämpfte in den Bürgerkriegen zwischen Marius und Sulla auf der Seite der Popularen und wurde 83 v. Chr. Prätor in Spanien. Als sich Sulla schließlich in den Machtkämpfen durchsetzte, wurde Sertorius kurzfristig nach Mauretanien vertrieben, kehrte als Anführer der Lusitaner jedoch auf die iberische Halbinsel zurück und konnte für einige Jahre eine unabhängige Herrschaft aufbauen. 74 v. Chr. schloss er sogar ein gegen Rom gerichtetes Bündnis mit Mithridates VI. von Pontos.

Sertorius war bekannt für seine Disziplin, seine Bildung und seine strenge Selbstkontrolle – Eigenschaften, die ihn zu einem erfolgreichen Feldherrn machten, aber auch bei seinen Offizieren für Unmut sorgten. Mit der Zeit regte sich gegen den immer rücksichtsloser und härter agierenden Kommandeur Widerstand aus den eigenen Reihen. Anführer der Verschwörer war Marcus Perperna, ein ehrgeiziger, aber weniger fähiger Offizier, der die Macht an sich reißen wollte.

Perperna lud Sertorius zu einem Bankett ein, angeblich um einen militärischen Erfolg zu feiern. Doch das Festmahl war eine sorgfältig inszenierte Falle. Die Verschwörer kannten ihren Kommandeur gut genug, um zu wissen, wie man ihn aus der Fassung bringen konnte. Sie hatten ihren Plan vermutlich über Wochen vorbereitet und jeden Schritt durchdacht.

Während des Trinkgelages gaben die Verschwörer vor, betrunken zu sein: Sie verhielten sich laut und obszön, führten unflätige Gespräche und lachten derb. Sie wussten genau, dass dem kultivierten und stets disziplinierten Sertorius ein solches Verhalten zutiefst zuwider war. Bewusst verwendeten sie seine eigenen Tugenden – seine Selbstbeherrschung, seinen Anstand, seine Bildung – gegen ihn. Es war eine psychologische Kriegsführung am Esstisch.

Tatsächlich erreichten sie, was sie bezweckten: Sertorius wandte sich angewidert von seinen Zechkumpanen ab und kehrte ihnen demonstrativ den Rücken zu. In diesem Moment war er wehrlos. Da ließ Perperna sein Trinkgefäß fallen – das vereinbarte Zeichen für den Angriff.

Einer seiner Verbündeten namens Antonius attackierte Sertorius, der unbewaffnet zum Gastmahl gekommen war, von hinten mit dem Schwert. Auch die anderen Verschwörer zückten nun ihre versteckten Waffen und stürzten sich auf den wehrlosen Feldherrn. Sertorius hatte keine Chance. Der Mann, der auf zahllosen Schlachtfeldern gekämpft und gesiegt hatte, wurde bei einem Festessen niedergemetzelt.

Die Führung über die Truppen des Sertorius übernahm nach dem feigen Attentat Perperna, doch sein Triumph war nur von kurzer Dauer. Etliche Offiziere verweigerten ihm wegen des Mordes an Sertorius die Gefolgschaft. Zudem erwies sich Perperna als völlig unfähiger Feldherr und wurde schon nach wenigen Monaten von Pompeius besiegt, gefangen genommen und hingerichtet. Die Verschwörung hatte sich nicht gelohnt.

Wenn die Tafel zum Tatort wird

Diese drei Fälle zeigen deutlich, dass in der Antike ein Festmahl nicht nur ein Ort der Freude und des gemütlichen Beisammenseins war, sondern mitunter auch der Intrige, des Verrats und des Mordes. Ein falsches Wort, ein hinterhältiger Plan oder eine vergiftete Schale Wein konnte für einen der Zecher schnell das gewaltsame Ende bedeuten.

Warum aber waren gerade Bankette und Symposien so gefährlich? Die Gründe liegen auf der Hand: Der reichlich fließende Wein lockerte die Zungen und senkte die Hemmschwellen. Männer sprachen Dinge aus, die sie nüchtern niemals gewagt hätten. Gleichzeitig waren die Gäste verletzlich: Man kam meist unbewaffnet, ließ die Waffen vor dem Speisesaal ab, lag auf Liegen statt kampfbereit zu stehen. Das Vertrauen, das man seinen Gastgebern und Mitgästen entgegenbrachte, konnte tödlich sein.

Wenn Sie also in diesen Tagen beim Festessen zusammenkommen, seien Sie dankbar, dass unsere Zeiten friedlicher sind – auch wenn die menschlichen Schwächen dieselben geblieben sind. Die Antike lehrt uns: Auch an der festlichsten Tafel kann der Tod mit am Tisch sitzen.

Quellen:

Alexander der Große und Kleitos: Plutarch, Leben des Alexander 50-52

Mithridates VI.: Appian, Mithridatische Kriege 112; Justinus Epitome 38

Sertorius: Plutarch, Leben des Sertorius 25-26

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