Während die Welt Weihnachten als Fest der Liebe feiert, erzählt die Bibel auch von einem Massenmord an Säuglingen. Der Kindermord von Bethlehem gehört zu den schockierendsten Geschichten des Neuen Testaments: König Herodes befiehlt die Tötung aller neugeborenen Knaben in Bethlehem. Doch ob das Massaker wirklich stattgefunden hat, bleibt ungewiss.
Die biblische Erzählung
Als die drei Weisen aus dem Morgenland auf der Suche nach dem Heiland nach Jerusalem kamen, fragten sie überall, wo der neugeborene König der Juden sei, dem sie huldigen wollten. Als Herodes, der als König über die Juden herrschte, dies zu Ohren kam, erschrak er sehr. Von seinen Hohepriestern und Schriftgelehrten erfuhr er, dass in Bethlehem, der Stadt Davids, ein Fürst geboren werden soll, der künftige Hirte des Volkes Israel. Daraufhin ließ er die Sterndeuter zu sich kommen und gab ihnen den Auftrag, nach dem Kind zu forschen und ihm danach Bericht zu erstatten.
Die weisen Männer zogen weiter nach Bethlehem, wo sie den neugeborenen Jesus mit Maria und Josef im Stall fanden. Sie gaben dem Kind ihre Gaben – Weihrauch, Gold und Myrrhe – und huldigten dem Erlöser. Da ihnen aber im Traum geboten worden war, Herodes nichts von Jesus zu erzählen, kehrten sie auf einem anderen Weg in ihre Heimat zurück. Auch Josef hatte einen Traum, in dem ihm ein Engel des Herrn erschien und ihn warnte, dass Herodes seinen Sohn töten wolle. Kurzerhand nahm Josef das Baby und floh gemeinsam mit seiner Frau Maria nach Ägypten.
Als Herodes erkannte, dass er getäuscht worden war, wurde er äußerst wütend und ordnete an, dass alle Knaben in Bethlehem im Alter von bis zu zwei Jahren getötet werden sollten. Jesus konnte dem Massaker jedoch entgehen. Erst als Herodes gestorben war, kehrte die heilige Familie wieder nach Israel zurück. Der Evangelist sieht darin eine Prophezeiung bei Hosea (11,1) erfüllt, wo es von Gott heißt: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“
Die Verehrung der unschuldigen Kinder
Bereits in der Spätantike galten die ermordeten Kinder als die ersten Märtyrer, die zwar Christus nicht kannten, aber stellvertretend für ihn starben. Auch wurde die Zahl der angeblich betroffenen Knaben im Laufe der Jahrhunderte immer höher: In der griechischen Liturgie ist von 14.000 ermordeten Kindern die Rede, bei mittelalterlichen Autoren sind es sogar 144.000. Tatsächlich war Bethlehem zur fraglichen Zeit nur ein kleines Dorf von ein paar hundert Einwohnern. Die Zahl der betroffenen Kinder wäre daher überschaubar gewesen – vielleicht ein Dutzend, vielleicht sogar weniger. Darüber hinaus ist es durchaus wahrscheinlich, dass der historische Jesus gar nicht in Bethlehem, sondern in Nazareth geboren wurde.
Am 28. Dezember, direkt nach Weihnachten, wird jedenfalls in der römisch-katholischen und in der evangelischen Kirche der Gedenktag der unschuldigen Kinder gefeiert. In der christlichen Kunst und Literatur entfaltete die Geschichte eine immense Wirkung. Künstler wie Lucas Cranach, Giotto, Pieter Brueghel oder Peter Paul Rubens schufen eindrückliche Darstellungen des Massakers, die bis heute erschüttern.
Hat der Kindermord wirklich stattgefunden?
Doch trug sich der Kindermord von Bethlehem tatsächlich zu? Die historisch-kritische Bibelforschung zweifelt mehrheitlich an der Historizität der Erzählung. Die Argumente wiegen schwer: Die Geschichte wird nur im Matthäus-Evangelium überliefert. Die anderen Evangelisten – Markus, Lukas und Johannes – schweigen darüber ebenso wie Flavius Josephus, der jüdische Historiker, der in seinen Jüdischen Altertümern zahlreiche Grausamkeiten des Herodes detailliert auflistet. Das ist umso auffälliger, als Josephus sonst keine Gelegenheit ausließ, Herodes zu kritisieren. Der einzige vermeintlich außerbiblische Beleg beim spätantiken Autor Macrobius (Saturnalia 2, 4, 11) stammt aus dem 5. Jahrhundert und könnte durchaus vom Neuen Testament abhängen.Matthäus hatte ein klares theologisches Motiv: Er wollte Jesus als neuen Moses darstellen. Auch Moses entging als Kind einem königlichen Mordbefehl, als der Pharao alle neugeborenen Knaben der Israeliten töten ließ.
Für die Historizität könnte sprechen, dass Herodes bekannt war für seine Brutalität und Paranoia. Er tötete drei seiner eigenen Söhne – Alexander und Aristobulos im Jahr 7 v. Chr., später auch seinen ältesten Sohn Antipatros –, weil er eine Verschwörung gegen sich vermutete. Er ließ seine geliebte Frau Mariamne hinrichten, bereute es sofort und verfiel in tiefe Depression. Als er selbst im Jahr 4 v. Chr. im Sterben lag, befahl er sogar, prominente Juden zu töten, damit sein Tod nicht unbetrauert bleibe. Kaiser Augustus soll einmal gesagt haben, es sei besser, Herodes‘ Schwein zu sein als sein Sohn – eine Anspielung auf die jüdischen Speisegesetze und die Familientragödien am Hof. Ein Mann wie Herodes wäre also durchaus fähig gewesen, auch fremde Säuglinge töten zu lassen, wenn er darin eine Bedrohung für seine Macht sah. Ein kleines, lokales Massaker in einem unbedeutenden Dorf wie Bethlehem könnte durchaus unterhalb der „Nachrichtenschwelle“ der antiken Historiker gelegen haben. Bei vielleicht einem Dutzend Opfern wäre es im Vergleich zu Herodes‘ anderen Gräueltaten kaum erwähnenswert gewesen. Das Schweigen der historischen Quellen ist daher kein absolut zwingendes Argument gegen die Historizität.
Die Mehrzahl der Forscher neigt dennoch zur Skepsis: Der Kindermord ist wahrscheinlich keine historische Tatsache, sondern eine theologische Erzählung.
Ein vertrautes Motiv
Das Motiv des bedrohten Königskindes, das auf wundersame Weise überlebt, ist ein archetypisches Erzählmuster, das sich in vielen Kulturen findet. In der griechischen Mythologie entkommt Ödipus der Ermordung durch seinen Vater Laios, Romulus und Remus überlebten auf wundersame Weise, nachdem sie ausgesetzt wurden, und der korinthische Tyrann Kypselos entrann als Neugeborener dem Mordbefehl des Herrschergeschlechts der Bakchiaden. In der indischen Mythologie soll König Kamsa das Aufwachsen Krishnas durch Kindsmorde verhindern haben wollen.
Als unmittelbares biblisches Vorbild dient die Geschichte von Moses, der dem Mordbefehl des Pharaos an den Kindern der Israeliten durch Gottes Hilfe entkam. Matthäus kannte diese Erzählung natürlich und gestaltete die Geschichte Jesu bewusst parallel dazu: Wie Moses musste auch Jesus nach Ägypten fliehen und von dort zurückkehren, um sein Volk zu retten.
Bedeutet dies, dass die Geschichte erfunden ist? Letztlich lässt sich die Frage nach der Historizität nicht mit Sicherheit beantworten. In jedem Fall ist die Geschichte vom bethlehemitischen Kindermord eine wirkmächtige symbolische Erzählung von der irdischen Gewalt, der Ungerechtigkeit der Herrschenden und dem Leiden der Unschuldigen,
Quelle:
Matthäus-Evangelium 2, 1-18

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