Wer Dionysos missachtete, riskierte alles – drei erschütternde Mythen zeigen, wie der Gott des Rausches seine Verächter in den Wahnsinn trieb und Mütter ihre eigenen Kinder zerreißen ließ. Das ist eine düstere Erinnerung daran, dass die griechischen Götter keine Gnade kannten und das Irrationale eine Macht besitzt, die sich nicht kontrollieren lässt.
Pentheus war der König von Theben. Er hatte die Macht von seinem Großvater, dem Stadtgründer Kadmos übernommen. Obwohl seine eigene Tante Semele die Mutter des Gottes Dionysos war, zweifelte Pentheus an dessen Göttlichkeit. Vielmehr hielt er Dionysos für einen Betrüger und dessen Kult mit all seinen nächtlichen Ritualen und Ausschweifungen war ihm ein Dorn im Auge. Daher ließ Pentheus die Verehrung des Gottes und die damit verbundenen Feierlichkeiten verbieten. Er missachtete damit eine Warnung des Sehers Teiresias, der ihn gewarnt hatte, er möge den Gott in seiner Stadt willkommen heißen, ansonsten würde sein eigenes Blut vergossen werden.
Dionysos nahm daraufhin grausame Rache an dem Regenten, der nicht an ihn glaubte. Zunächst trieb er die Frauen von Theben, darunter Pentheus‘ Mutter Agaue und dessen Tanten Ino und Autonoe in göttlichen Wahnsinn, woraufhin diese als Mänaden in die Wälder des Berges Kithairon zogen, um an den rauschenden Feierlichkeiten des Gottes teilzunehmen.
Kurz darauf nahmen die Soldaten des Pentheus einen geheimnisvollen Mann aus dem Gefolge des Dionysos fest – vielleicht handelte es sich sogar um den Gott selbst, der nun in Verkleidung vor den König trat. Pentheus warf den Fremden zunächst ins Gefängnis, doch dieser konnte sich auf geheimnisvolle Weise wieder befreien. Er riet dem Regenten, er solle sich als Frau verkleiden und den Verehrerinnen des Weingottes hinterherspionieren, um so herauszufinden, was diese im Rahmen des Dionysoskultes in der Wildnis so trieben.
Tatsächlich ließ sich Pentheus auf diesen Plan ein, schlüpfte in Frauenkleider, schlich in den Wald und kletterte auf einen Baum, um das Treiben der Frauen heimlich zu beobachten. Darauf hatte der beleidigte Gott nur gewartet. Er ließ die Thebanerinnen, die den versteckten König prompt entdeckten, in Raserei verfallen. Die Frauen, allen voran Agaue, die Mutter des Königs, zerrten Pentheus, den sie in ihrem Wahn nicht als Menschen erkannten, sondern für ein wildes Tier hielten, vom Baum herunter und rissen ihn in Stücke. Die blutbeschmierte Agaue soll sogar den Kopf ihres toten Sohnes auf einen Ast gesteckt und triumphierend in die Stadt Theben getragen haben, in der Meinung sie präsentiere das Haupt eines Löwen, den sie erlegt hatte. Erst dort, als sie ihrem Vater Kadmos begegnete, kehrten ihre Sinne zurück, und sie erkannte, was sie getan hatte. Voller Verzweiflung brach sie zusammen. Obwohl die Frauen von Theben im Wahn gehandelt hatten, wurden sie in Verbannung geschickt.
Auch andernorts hatte die Verachtung des Dionysos schreckliche Folgen. In Argos zweifelten Lysippe, Iphinoë und Iphianassa, die Töchter des Königs Proitos, an der Göttlichkeit des Dionysos. Prompt ließ er auch diese in Wahnsinn verfallen, sie stürmten in die Wildnis, streiften in Raserei durch die Wälder. Der Seher Melampos bot Proitos an, seine Töchter zu heilen, forderte dafür jedoch ein Drittel seines Reiches. Als der König ablehnte, verschlimmerte sich der Wahnsinn der Prinzessinnen nicht nur, sondern griff auch auf andere Frauen in Argos über, die ebenfalls in die Wildnis zogen und in Ekstase die schlimmsten Verbrechen begingen – sogar ihre eigenen Kinder sollen sie getötet haben. Proitos ließ nun den Melampos zu sich kommen und stimmte dessen Forderung zu. Melampos wollte nun aber außerdem ein weiteres Drittel des Reiches für seinen Bruder Bias. Weil er keinen anderen Ausweg sah, ließ sich der König auch darauf ein. Melampos versammelte die kräftigsten Jünglinge der Stadt, und mit lautem Schreien und Tänzen trieben sie die Frauen aus den Wäldern, wobei die älteste Tochter Iphinoë ums Leben kam. Die beiden anderen Prinzessinnen sowie die übrigen Frauen aus Argos konnten aber durch Reinigungsrituale geheilt werden. Anschließend heirateten Melampos und sein Bruder Bias die zwei geretteten Prinzessinnen.
Eine ähnliche Geschichte trug sich in der böotischen Stadt Orchomenos zu. Dort weigerten sich Alkathoe, Arsinoe und Leukippe, an den Feierlichkeiten des Dionysos teilzunehmen, sondern blieben zu Hause und widmeten sich ihren Webarbeiten. Der Gott, der sogar in Gestalt eines jungen Mädchens zu den Prinzessinnen gekommen sein soll, um sie zur Teilnahme am Götterfest aufzufordern, schickte zunächst eine Reihe von Wunderzeichen: Spukgestalten wilder Tiere erfüllten den Raum, Musik begann zu ertönen, und das Gewebe verwandelte sich in Weinranken. Als dies alles nichts nutzte, ließ Dionysos auch diese drei Königstöchter in Wahnsinn verfallen. Sie wurden von dem unbändigen Wunsch erfüllt, dem Gott ein Opfer zu bringen, und losten um diese Ehre. Das Los fiel auf Leukippe, worauf die Königstöchter deren Sohn Hippasos in Stücke rissen. Anschließend stürmten die drei jungen Frauen in ihrem Wahn in die Wildnis, wo sie schließlich vom Gott Hermes in Fledermäuse verwandelt wurden.
Diese drei Episoden zeigen, dass griechische Götter keine barmherzigen, verzeihenden Gottheiten waren. Sie verlangten Gehorsam und Verehrung und konnten Wahnsinn, Raserei, Tod und Verderben bringen, wenn diese ihnen verwehrt wuerden. Gleichzeitig künden sie von der Macht des Irrationalen und Ekstatischen in der Welt, das sich nicht durch Regeln einschränken und kontrollieren lässt.

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