Tödliche Prahlerei

Tödliche Prahlerei

König Gyges, der Begründer der Dynastie der Mermnaden, herrschte in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. über das Volk der Lyder. Über seine Machtübernahme berichten die antiken Quellen unterschiedliche Geschichten – allen gemeinsam ist jedoch, dass er seinen Vorgänger Kandaules ermordete.

Die bekannteste Geschichte darüber, wie Gyges auf den lydischen Thron kam, findet sich beim griechischen Historiker Herodot (5. Jh. v. Chr.). Dieser berichtet, dass Gyges der Leibwächter des lydischen Königs Kandaules war. Dieser Kandaules war über alle Maßen in seine eigene Gattin verliebt und hielt sie für die schönste Frau der Welt. Herodot nennt den Namen der Königin nicht, doch in späteren Überlieferungen und künstlerischen Bearbeitungen des Stoffes heißt sie Nyssia. Allen schwärmte Kandaules vor, wie wunderschön die Königin sei. Da er aber vermutete, dass sein Leibwächter Gyges ihm nicht glaube, wollte er, dass dieser die Königin einmal selber nackt sehe. Gyges lehnte diesen Vorschlag ab, doch Kandaules ließ nicht locker und dachte sich folgenden Plan aus: Gyges solle sich hinter der Tür des königlichen Schlafgemaches verstecken. Von dort aus könne er sie heimlich beim Entkleiden beobachten. Wenn sie dann ins Bett ginge und ihm dabei den Rücken zuwende, könne er unbemerkt wieder auch dem Schlafgemach schlüpfen. Gyges konnte sich dem Wunsch seines Herrn nicht länger entziehen und stimmte zu. Kandaules versteckte seinen Leibwächter hinter der geöffneten Schlafzimmertür und kam wenig später gemeinsam mit seiner Gattin ins Schlafgemach. Gyges beobachtete, wie die schöne Königin ihre Gewänder ablegte, und schlich, als sie zum Bett schritt, aus dem Raum. Doch die Königin bemerkte ihn beim Hinausgehen. Da sie sofort ahnte, dass ihr Gemahl hinter dieser Aktion steckte, ließ sie sich zunächst nichts anmerken, sie sann aber heimlich auf Rache. Am nächsten Tag ließ sie Gyges zu sich rufen und stellte ihn vor eine schreckliche Wahl: Entweder solle er Kandaules töten, sie zur Frau nehmen und zum neuen König der Lyder werden, oder er müsse auf der Stelle sterben. Gyges flehte seine Gebieterin an, ihn nicht vor eine solche Entscheidung zu stellen. Als sie sich aber nicht erweichen ließ, wählte er das eigene Leben. Die Königin beschloss, dass Kandaules am selben Ort sterben solle, an dem ihr Schande angetan worden sei: So versteckte sich Gyges erneut hinter der Schlafzimmertür, diesmal aber hatte er einen Dolch dabei, mit dem er dann Kandaules, als sich dieser schlafen legte, tötete.

Varianten

Der Historiker Nikolaos von Damaskus (1. Jh. v. Chr.) überliefert eine andere Version der Machtübernahme des Gyges, die auf den aus Lydien stammenden Geschichtsschreiber Xanthos (5. Jh. v. Chr.), einen Zeitgenossen des Herodot, zurückgeht. Diesem zufolge sei Gyges als junger Mann an den lydischen Hof gekommen, wo ihn der König, der in dieser Version Adyattes heißt, aufgrund seiner Fähigkeiten zu seinem Leibwächter machte. Bald hatte er das Vertrauen des Herrschers erlangt und wurde auf eine besondere Mission geschickt: Er sollte die mysische Prinzessin Tudo, die Adyattes heiraten wollte, zu seinem Herrn bringen. Doch unterwegs verliebte sich Gyges in die schöne Prinzessin und bedrängte sie sexuell. Als Tudo in der lydischen Hauptstadt Sardeis ankam, berichtete sie ihrem Verlobten vom ungebührlichen Verhalten seines Leibwächters, woraufhin Adyattes die Tötung seines Dieners anordnete. Gyges, der von einer Palastsklavin gewarnt wurde, kam dem jedoch zuvor, indem er seinen Herrn ermordete, dessen Krone übernahm und selbst Tudo heiratete.

Abweichend ist die Erzählung des Philosophen Platon in seinem Werk Der Staat, die auch Cicero in seiner Schrift Von den Pflichten übernimmt. Dieser Variante der Geschichte zufolge sei Gyges ein einfacher Hirte gewesen. Eines Tages habe er nach einem Erdbeben eine Höhle entdeckt, in der in einem eisernen Pferd ein übermenschlich großer Leichnam lag, der einen goldenen Ring am Finger trug. Diesen Ring nahm Gyges an sich und bemerkte bald darauf, dass das Schmuckstück magische Kräfte besaß: Wenn er den Ring an seinem Finger drehte, war er plötzlich unsichtbar! Mit diesem Zauberring gelang es ihm nicht nur, die Königin zum Ehebruch zu verführen, sondern er konnte diese auch zum Mord am König anzustiften. Das märchenhafte Motiv des Zauberrings wurde später sehr populär und fand etwa in die Tragödie Gyges und sein Ring von Friedrich Hebbel oder in die Oper Der König Kandaules von Alexander Zemlinsky Eingang.

Leben und Tod des Gyges

Allen Varianten gemeinsam ist, dass Gyges ursprünglich in den Diensten des lydischen Königs stand, diesen dann tötete und dessen Frau bzw. Verlobte heiratete. Später soll Gyges zu legendärem Reichtum gekommen sein, unter anderem durch den Verkauf von Untertanen als Söldner nach Ägypten. Seine Herrschaft wurde jedoch schließlich durch das Eindringen des Reitervolkes der Kimmerier bedroht. Zunächst gelang es ihm durch ein Bündnis mit den Assyrern, die Krieger aus der Steppe abzuwehren. Doch im Jahr 644 v. Chr. nahmen die Kimmerier die lydische Hauptstadt Sardeis ein. Gyges fand im gescheiterten Abwehrkampf den Tod.

Quellen:

Herodot, Historien 1, 8-13

Xanthos der Lyder, Fragmente der griechischen Historiker 90, fr. 44-46

Platon, Der Staat 2, 359b-360d

Cicero, Über die Pflichten 3, 38

Hinterlasse einen Kommentar