Im Jahr 514 v. Chr. fiel Hipparchos, einer der beiden Tyrannen, die über die Polis Athen herrschten, einem Attentat zum Opfer. Obwohl der Anschlag offenbar private Gründe hatte, wurden die beiden Mörder Harmodios und Aristogeiton zu athenischen Freiheitshelden.
Historischer Hintergrund
Ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. kamen in mehreren griechischen Städten einzelne Aristokraten an die Macht, die ihre Heimatgemeinden als Tyrannen regierten. Viele Städte erlebten unter der Herrschaft dieser Männer, die oft Kunst und Wissenschaft förderten, eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Dies gilt auch für die Polis Athen, wo Peisistratos nach zwei erfolglosen Versuchen, im Jahr 546 v. Chr. schließlich die Alleinherrschaft erringen konnte. Als Peisistratos im Jahr 527 v. Chr. eines friedlichen und natürlichen Todes starb, ging die Herrschaft ohne Probleme auf seinen ältesten Sohn Hippias über. Ob dessen jüngerer Bruder Hipparchos als Mitherrscher ebenfalls über die Stadt regierte, ist unklar.
Das Attentat
Im Jahr 514 v. Chr. kam es zu einer Verschwörung gegen die Söhne des Peisistratos, die sogenannten Peisistratiden. Der Grund dafür war allerdings kein politischer, sondern vielmehr ein privater. Hipparchos hatte nämlich ein Auge auf den jungen und attraktiven Harmodios geworfen und diesem sexuelle Avancen gemacht. Harmodios war allerdings in einer gesellschaftlich akzeptierten homoerotischen Beziehung mit seinem älteren Liebhaber Aristogeiton. Er wies nicht nur Hipparchos zurück, sondern berichtete seinem Partner auch von dessen Annäherungsversuchen. Hipparchos ließ die Abfuhr allerdings nicht auf sich beruhen, sondern rächte sich an der Familie des Harmodios, indem er dessen Schwester brüskierte, die beim Fest der Großen Panathenäen für die ehrenvolle Aufgabe einer Kanephore ausgewählt worden war, d.h. sie sollte beim prachtvollen Festzug für die Stadtgöttin einen Opferkorb tragen. Hipparchos bezweifelte öffentlich die Jungfräulichkeit von Harmodios‘ Schwester, woraufhin sie als für dieses Amt unwürdig erklärt wurde.
Harmodios, der die Ehre seiner Schwester wiederherstellen wollte, und Aristogeiton, der von rasender Eifersucht getrieben wurde, beschlossen nun, Hipparchos und dessen an diesen Vorgängen gar nicht beteiligten Bruder Hippias zu töten. Es gelang ihnen, noch weitere Verbündete für diesen Plan zu finden. Das Attentat sollte auf der Agora stattfinden, so der Festzug für Athena seinen Ausgang nahm. Im letzten Moment verloren die beiden Verschwörer jedoch die Nerven, da sie befürchteten, verraten worden zu sein, und schlugen los, bevor Hippias anwesend war. Daher gelang es ihnen nur, dessen Bruder Hipparchos zu töten. Harmodios wurde im Getümmel des Anschlags von den Leibwächtern des Hipparchos getötet. Aristogeiton geland zunächst die Flucht, er wurde aber später gefasst. Nachdem er selbst unter Folter die Namen seiner Mitverschwörer nicht preisgeben wollte, wurde er schließlich hingerichtet.
Verherrlichung der Tyrannenmörder
Politisch hatte dieser Anschlag zunächst keine Folgen. Nach dem Attentat konnte sich Hippias noch einige Jahre an der Macht halten. Seine Herrschaft wurde sogar noch härter und drückender. Sein endgültiger Sturz ging aber nicht von den Athenern selbst aus, sondern von den Spartanern. Im Jahr 510 zog ein spartanisches Heer unter der Führung von König Kleomenes gegen Athen. Diesem gelang es, den Tyrannen, der sich auf der Akropolis verschanzt hatte, zur Kapitulation und zum Abzug zu zwingen. Hippias floh an den Hof des Perserkönigs. Im politischen Wettstreit um die Vorherrschaft in Athen setzte sich nun Kleisthenes durch, der den Grundstein für die spätere athenische Demokratie legte.
Schon bald nach dem Sturz des Hippias wurde auf der Athener Agora eine Statuengruppe des Bildhauers Antenor aufgestellt, welche die Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton zeigte. Obwohl das Attentat der beiden, wie erwähnt, keinen politischen Hintergrund gehabt hatte, wurden Harmodios und Aristogeiton zu Freiheitshelden und Gründungsheroen der Demokratie hochstilisiert. Als der Perserkönig Xerxes im Jahr 480 v. Chr. Athen einnahm und plünderte, erbeutete er auch diese Statuen, die in die persische Hauptstadt Susa gebracht wurden (anderthalb Jahrhunderte später sollte sie Alexander der Große zurückerobern und wieder nach Athen schicken). Nachdem der Angriff der Perser abgewehrt worden war, gaben die Athener 477/76 v. Chr. ein neues Bildnis von Harmodios und Aristogeiton in Auftrag, das nun von den Bildhauern Kritios und Nesiotes geschaffen wurde. Diese Statuengruppe ist zwar nicht im Original, dafür aber in mehreren römischen Marmorkopien erhalten.
Quellen
Herodot 5, 55f.
Thukydides 6, 53-59
Aristoteles, Der Staat der Athener (Athenaion Politeia) 18

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