Die Vorstellung eines Gottes, der stirbt und von den Toten wieder aufersteht, findet sich nicht nur im Christentum. Lange bevor das leere Grab in Jerusalem die Anhänger von Jesus Christus in Erstaunen versetzte, kannten die Bewohner Ägyptens eine Geschichte mit einem ähnlichen Motiv. Doch die Erzählung von Osiris, der von seinem eigenen Bruder ermordet und anschließend wieder zum Leben erweckt wird, ist keine Vorwegnahme von Ostern, sondern eine radikal andere Antwort auf den Tod.
Unter den Erzählungen des Alten Ägypten nimmt die Geschichte von Osiris, seiner Frau Isis und seinem Bruder Seth eine besondere Stellung ein. Umso bemerkenswerter ist es, dass uns dieser Mythos in geschlossener Form erst durch den griechischen Schriftsteller Plutarch (um 100 n. Chr.) überliefert wird. Paradoxerweise existiert kein altägyptischer Text, der die Geschichte vollständig erzählt, auch wenn sich ihre Fragmente bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. nachweisen lassen.
Osiris war der Gott der Fruchtbarkeit und der Vegetation, zugleich der Herr über das Jenseits. In mythischer Urzeit herrschte er als König über das Land am Nil und brachte den Menschen Ackerbau, Gesetze und Zivilisation. An seiner Seite stand seine Schwester und Gemahlin Isis. Sein Bruder Seth hingegen verkörperte Unruhe, Gewalt und Chaos. Ihm gehörte die Wüste, jener Raum, in dem die Ordnung des Niltals endete. Dem ägyptischen Mythos zufolge nahm Seth seinem Bruder Osiris das Leben.
Die Überlieferungen unterscheiden sich darin, warum dies geschah: Mal ist von Rache die Rede, mal von Eifersucht auf Macht und Glück, mal davon, dass Osiris mit Seths Gemahlin Nephthys verkehrt habe. Auch der Mord selbst wird unterschiedlich geschildert. Nach einer Version nimmt Seth die Gestalt eines wilden Tieres an, nach einer anderen stößt er Osiris in den Nil. Die bekannteste Erzählung berichtet von einem hinterlistigen Plan. Seth ließ eine prächtig verzierte Truhe anfertigen, die exakt den Maßen des Osiris entsprach. Bei einem Gelage versprach er demjenigen, der genau hineinpasse, einen hohen Gewinn. Einer nach dem anderen versuchte es vergeblich. Schließlich legte sich Osiris selbst hinein. In diesem Moment stürzten sich 72 Mitverschworene auf die Truhe, verschlossen sie, versiegelten sie mit Blei und warfen sie in den Nil.
Osiris starb in diesem schwimmenden Sarg, der weit über Ägypten hinaus getrieben wurde. Isis machte sich auf die Suche und fand den Leichnam bei Byblos. Doch Seth griff erneut ein: Er raubte den Körper, zerstückelte ihn und verstreute die Teile im Land. Isis gab jedoch nicht auf. Gemeinsam mit Nephthys sammelte sie die Glieder in unermüdlicher Geduld wieder ein – nur der Phallus fehlte, den sie durch ein Tonmodell ersetzte. So konnte sie Osiris wiederherstellen und sich mit ihm vereinen. Aus dieser Verbindung ging Horus hervor, der seinen Vater rächen sollte.
Osiris wurde wiederbelebt – doch er kehrte nicht in die Welt der Lebenden zurück. Er wurde zum Herrscher der Unterwelt, zum Richter über die Toten und zum Garanten der kosmischen Ordnung. Horus indes wuchs im Verborgenen des Nildeltas heran und forderte als rechtmäßiger Erbe den Thron seines Vaters. Der Konflikt mit Seth zog sich über Jahre hin; in einem der Kämpfe verlor Horus sein Auge, das später zu einem der wichtigsten Symbole Ägyptens wurde. Schließlich entschieden die Götter zugunsten des Horus. Seth wurde zurückgedrängt, die göttliche Ordnung wiederhergestellt.
Diese Geschichte von Verrat, Gewalt und Treue spiegelt die Erfahrung der Natur: das jährliche Austrocknen der Felder und ihre Erneuerung durch die Nilflut. Osiris wird zum Urbild des Verstorbenen, mit dem sich jeder Ägypter identifizieren konnte. Die Praxis der Mumifizierung spiegelt den Mythos unmittelbar wider: Der Körper wird sorgfältig bewahrt, wie Isis die Glieder des Osiris zusammensetzte. Zugleich spielte er eine zentrale Rolle in der Königsideologie – der verstorbene König wurde mit Osiris identifiziert, sein Nachfolger galt als Horus. Später wurde diese Vorstellung auf alle Menschen ausgeweitet: Jeder Tote konnte zu „Osiris“ werden, sofern er das Totengericht bestand.
Ähnliche Motive finden sich auch anderswo. Der sumerische Gott Dumuzi wird in die Unterwelt geführt, seine Rückkehr markiert den Wechsel der Jahreszeiten. Der ugaritische Baal steigt im Kampf mit dem Tod in die Unterwelt hinab und wird von der Göttin Anat gerettet. In der griechischen Mythologie begegnen ähnliche Motive, etwa in der Gestalt des Adonis, der stirbt und zyklisch ins Leben zurückkehrt, oder in der Geschichte der Persephone, die zwischen Unterwelt und Erde pendelt.
Gerade zu Ostern dürfen die Unterschiede zur Geschichte von Jesus Christus nicht übersehen werden. So vertraut die Struktur auf den ersten Blick erscheint, so grundlegend verschieden sind die Aussagen. Osiris bleibt im Reich der Toten und herrscht dort weiter; sein Schicksal ist Teil einer kosmischen Ordnung, kein Heilsereignis. Der entscheidende Unterschied liegt darin: Osiris wird zum Herrscher über den Tod – Jesus überwindet ihn. Während der Osiris-Mythos in den Zyklen der Natur verankert ist, versteht das Christentum die Auferstehung als einmaliges, universales Heilsgeschehen – als Sieg über Sünde und Tod.
Quelle:
Plutarch, Über Isis und Osiris

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