Die Geschichte von Kain und Abel nimmt unter den frühen Erzählungen der Menschheit eine besondere Stellung ein. In ihr begegnet nicht nur der erste Mord, sondern auch die erste Reflexion über Schuld, Verantwortung und das Verhältnis des Menschen zu Gott. Obwohl die Geschichte nur knapp erzählt wird, beschäftigt sie seit Jahrtausenden Theologen, Schriftsteller, Künstler und Philosophen.
In der Überlieferung der Bibel waren Adam und Eva die ersten Menschen. Nach der Vertreibung aus dem Paradies gebar Eva zwei Söhne. Der erstgeborene war Kain, der zweitgeborene hieß Abel. Während Kain Ackerbauer wurde und das Feld bebaute, wurde Abel ein Schafhirte und weidete seine Tiere. Eines Tages brachten beide Gott ein Erzeugnisse ihrer jeweiligen Berufe als Opfer dar. Kain opferte Feldfrüchte, während Abel Jungtiere seiner Herde schlachtete und deren Fleisch und Fett darbrachte. Wie es in der Bibel heißt, schaute der Herr nur auf Abel und seine Gabe, auf Kain und dessen Gabe jedoch nicht. Das kränkte Kain zutiefst, in ihm keimten Wut und Neid auf. Gott erkannte, dass Kain, der seinen Blick senkte, etwas Böses plante, und warnte ihn vor der Sünde. Doch kurz darauf, als Kain gemeinsam mit seinem Bruder auf einem Feld war, nahm er einen Stein und erschlug Abel. Dann begrub er die Leiche.
Erneut erschien Gott dem Kain und fragte ihn: „Wo ist Abel, dein Bruder?“ Und Kain antwortete: „Ich weiß es nicht.“ Und er fügte noch hinzu: „Bin ich meines Bruders Hüter?“ Doch der allwissende Gott ließ sich nicht in die Irre führen, verfluchte Kain und verstieß ihn. Er müsse fortan den Boden bearbeiten, der ihm keinen Ertrag mehr bringe, und müsse rastlos und ruhelos auf der Erde sein. Als Kain Gott um Gnade anflehte, versah der Herr ihn mit einem Zeichen – dem sogenannten Kainsmal –, das ihn fortan schützen sollte, damit keiner ihn töten dürfe. Kain zog daraufhin in das Land Nod, wo er mit seiner Frau einen Sohn zeugte und eine Stadt gründete. Adam und Eva zeugten als Ersatz für Abel einen weiteren Sohn, den sie Set nannten.
Der Brudermord im Koran
Die Geschichte von Kain und Abel findet sich auch im Koran. Auch wenn die beiden Brüder dort namenlos bleiben (in der islamischen Tradition werden sie in der Regel als Kabil und Habil bezeichnet), entspricht die Erzählung in ihrem Grundgerüst der biblischen Vorlage. Auch hier bringen beide Brüder ein Opfer dar, doch nur eines wird angenommen. Der entscheidende Unterschied liegt im Verlauf des Konflikts: Der eine Bruder droht, den anderen zu töten. Dieser antwortet ihm jedoch: „Gott nimmt nur das Opfer der Frommen an. Wenn du deine Hand ausstrecken solltest, um mich umzubringen, so will ich doch die meinige nicht ausstrecken, um dich umzubringen, denn ich fürchte Gott, den Herrn der Welten.“ Dies brachte den Älteren noch mehr in Rage, und er erschlug den jüngeren Bruder. Daraufhin schickte Gott einen Raben, der die Erde aufscharrte, als Zeichen, dass der Leichnam begraben werden sollte. Der Koran schließt diese Episode mit einer allgemeinen Lehre: Wer einen Menschen tötet, tötet gleichsam die ganze Menschheit. Wenn jemand dagegen auch nur einen Menschen am Leben erhält, dann ist es, als habe er das Leben aller Menschen gerettet.
Die Geschichte bei Flavius Josephus
Der antike jüdische Historiker Flavius Josephus greift die Erzählung in seinen Jüdischen Altertümern auf und erweitert sie deutlich. Bei ihm ist Kain eine Person, die sich dem Besitz und dem Erwerb verschreibt, während Abel ein gottgefälliges Leben führt. Der Konflikt zwischen den beiden Brüdern ist damit auch ein sozialer Gegensatz zwischen materieller Orientierung und frommer Genügsamkeit. Zudem handelt Kain bei Josephus nicht aus unmittelbarem Affekt, sondern aus wachsendem Neid und Missgunst. Nach dem Mord wird Kain auch bei ihm zum Gründer einer Stadt und zum Vertreter einer menschlichen Kultur, die von Ehrgeiz und Besitzstreben geprägt ist:
„Übrigens ließ er sich seine Strafe keineswegs zur Warnung dienen, sondern steigerte seine Bosheit mehr und mehr. Denn er ging jeder Art von Lüsten nach, wenn er sie auch nur durch Benachteiligung seiner Gefährten erreichen konnte. Sein Vermögen mehrte er durch Raub und Gewalttätigkeit, verleitete seine Genossen zu Schwelgerei und Räuberei und unterrichtete sie in allen Schlechtigkeiten. Die bisherige Einfachheit der Lebensweise veränderte er durch die Erfindung von Maß und Gewicht und verkehrte die Unschuld und Arglosigkeit des Wandels sowie den Adel des Geistes in Verschlagenheit und Pfiffigkeit. Er war der Erste, der der Feldmark Grenzen setzte, eine Stadt erbaute, sie mit Mauern befestigte und die Hausgenossen zwang, zusammenzuwohnen.“
Josephus liefert auch eine Erklärung für eine der vielen Fragen, die der knappe Bericht in der Bibel offenlässt: Warum gefiel Gott das Opfer Abels besser als jenes Kains? Der Historiker meint, dass der Herr mehr Freude an dem hatte, was die freigiebige Natur bot, als an dem, was der habgierige Mensch mit seiner Kraft hervorbrachte.
Für viele Interpreten ist der Mord an Abel Ausdruck der menschlichen Unfähigkeit, mit Zurücksetzung, Ungleichheit und Kränkung umzugehen. Bemerkenswert ist dabei, dass Kain nicht aus Hass oder Rivalität um Besitz und Macht tötet, sondern aus dem schlichten Gefühl, übergangen worden zu sein – obwohl er nichts falsch getan hat. Die Geschichte beschreibt damit eine Urszene des Neids, die bis heute nichts von ihrer psychologischen Schärfe verloren hat. Wesentliche Bedeutung kommt auch der Frage Kains zu: „Bin ich meines Bruders Hüter?“ Die Antwort lautet ja – der Mensch ist für den anderen verantwortlich. Eigentümlich ist zudem der Umgang mit Schuld: Kain wird nicht etwa als Strafe getötet. Er wird zwar bestraft, doch auch geschützt. Die Geschichte zeigt eine Gerechtigkeit, die nicht nur auf Vergeltung setzt, sondern auch die Möglichkeit des Weiterlebens offenhält.
Die Geschichte von Kain und Abel hat eine enorme Wirkung entfaltet und wurde in Literatur, Kunst und Philosophie immer wieder aufgegriffen. Lord Byron machte Kain 1821 zum Titelhelden eines dramatischen Gedichts und deutete ihn als Freigeist, der gegen göttliche Willkür aufbegehrt. John Steinbeck stellte in seinem Roman East of Eden (1952) die Geschichte ins Zentrum eines Familiendramas über mehrere Generationen und sah in ihr das eigentliche Grundmuster menschlicher Existenz. In der bildenden Kunst haben Künstler wie William Blake oder Henri Vidal den flüchtigen, gezeichneten Kain immer wieder dargestellt – meist nicht als Monster, sondern als einen, der an seiner eigenen Tat zerbricht.
Die Geschichte wurde als Beispiel für die Entstehung sozialer Differenz ebenso gelesen wie als Spiegel frühgeschichtlicher Spannungen zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern. Die frühen Christen haben den Mord an Abel als Vorläufer aller Vergehen an Unschuldigen begriffen. Vielleicht liegt ihre bleibende Bedeutung aber gerade darin, dass es keine einfache und eindeutige Interpretation gibt – und keine klaren Antworten auf die offenen Fragen.
Quellen:
Altes Testament, Genesis 4, 1-16
Koran, 5. Sure 27-31
Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 1, 2, 1-2

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