Tödliches Geburtstagsfest

Ein Geburtstagsfest, ein leichtsinniger Eid, eine rachsüchtige Frau – und ein Kopf auf der Schale. Der Mord an Johannes dem Täufer gehört zu den faszinierendsten Kriminalfällen der Antike und bewegt Schriftsteller und Künstler bis in die Gegenwart.

Herodes Antipas (ca. 20 v. Chr. – 39 n. Chr.), ein Sohn des jüdischen Königs Herodes des Großen, herrschte als Tetrarch von Roms Gnaden über Galiläa und Peräa. An seinem Geburtstag, wohl um das Jahr 30 n. Chr., lud er die Beamten und Offiziere sowie die vornehmen Bürger des Landes zu seinem Festmahl ein. Bei dieser Feier, die nicht nur ein gesellschaftliches Ereignis war, sondern auch der Repräsentation und Machtdemonstration des Herrschers diente, trat die Tochter der Herodias, der Gattin des Herodes Antipas, auf und tanzte auf verführerische Weise. Dieser Tanz schlug den Herrscher so sehr in seinen Bann, dass er jede Kontrolle über sich selbst verlor und sagte: „Wünsch dir, was du willst, ich werde es dir geben. Was du auch von mir verlangst, ich will es dir geben, und wenn es die Hälfte meines Reiches wäre.“ Das Mädchen verließ kurz den Saal und fragte seine Mutter, was es sich wünschen sollte, und diese antwortete: „Den Kopf von Johannes dem Täufer.“ Daraufhin kehrte es zum König zurück und wünschte sich den Kopf des Predigers auf einer Schale. Der König wurde sehr traurig, als er dies hörte, er zögerte, aber weil er vor seinen Gästen versprochen hatte, jeden Wunsch zu erfüllen, konnte er dieses Begehren nicht ablehnen. Daher befahl er einem Soldaten, ins Gefängnis zu gehen, wo Johannes der Täufer gefangen gehalten wurde. Der Soldat tat wie ihm geheißen, enthauptete Johannes und brachte dessen Kopf auf einer Schale in den Festsaal. Er gab ihn dem Mädchen, welches das abgeschlagene Haupt an seine Mutter weiterreichte.

Wer war Johannes der Täufer?

Johannes, der Sohn der Elisabet, einer Verwandten der Gottesmutter Maria, gilt als einer der bedeutendsten christlichen Heiligen. Obwohl sein Vater Zacharias ein Priester gewesen war, wandte sich Johannes von der Tempeltradition ab und ging in die Wüste, die in der jüdischen Tradition als Ort der Gottesnähe galt. Er begann in den Jahren vor 30 n. Chr. als Bußprediger und Endzeitprophet zu wirken und hatte enormen Zulauf. Er trat für Tugend und Gerechtigkeit ein und taufte die Menschen im Fluss Jordan. Als historisch gesichert kann gelten, dass auch Jesus von ihm getauft wurde, der sein eigenes Wirken im Umfeld des Johannes begann. Johannes, der ein asketisches Leben führte, einen Mantel aus Kamelhaaren trug und sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte, war freilich viel mehr als ein Vorläufer und Wegbereiter Jesu: Er war der Prophet einer eigenständigen Bewegung, die noch Jahrzehnte nach seinem Tod existierte.

Doch warum hasste Herodias den Propheten so sehr, dass sie seinen Kopf verlangte? Hintergrund war ein handfester Skandal: Herodes Antipas hatte seine erste Gattin Phasaelis, eine nabatäische Königstochter, verstoßen und stattdessen seine Nichte und Schwägerin Herodias, die Frau seines Halbbruders Herodes Boethos, in der Bibel Philippos genannt, geheiratet. Das war nicht nur moralisch fragwürdig und politisch brisant – tatsächlich sollte sein ehemaliger Schwiegervater Aretas IV. Herodes Antipas später militärisch vernichtend schlagen –, sondern auch nach jüdischem Recht bedenklich. Daher hatte Johannes diese Ehe öffentlich kritisiert, was ihn ins Gefängnis brachte. Herodias hasste ihn dafür und wollte ihn schon länger töten lassen. Herodes, der den heiligen und gerechten Mann fürchtete und wohl auch schätzte, hatte dies jedoch stets abgelehnt. Nun war er durch seinen Eid gebunden, den er nicht brechen konnte – sonst hätte er sein Gesicht und wohl auch seine Macht verloren.

Die außerbiblische Überlieferung

Interessant ist die Erwähnung dieses Vorfalls auch in außerbiblischen Quellen. Der jüdische Historiker Flavius Josephus zeichnet in seinen Jüdischen Altertümern ein etwas anderes Bild der Ereignisse und überliefert politische Gründe für den Mord an Johannes. Er charakterisiert ihn als guten Menschen, der zur Tugend aufrief. Doch dessen gewaltiger Einfluss auf das Volk beunruhigte Herodes Antipas, der einen Aufstand fürchtete. Deshalb ließ der Herrscher den Propheten präventiv beseitigen. Vom Tanz der Tochter und vom fatalen Versprechen des Tetrarchen ist bei Josephus nicht die Rede.

Von der gehorsamen Tochter zur Femme fatale

Besonders faszinierend ist die Figur, die im Zentrum der Überlieferung steht: die Tochter der Herodias. Ihren Namen kennen die Evangelien nicht; wir erfahren ihn erst aus der außerbiblischen Überlieferung: Salome. Während sie in der Bibel nicht aus eigenem Antrieb handelt, wird sie in der späteren Rezeption zur Hauptfigur. Sie wandelt sich von der ihrer Mutter hörigen, beinahe willenlosen Tochter zur gefährlichen Frauengestalt, die erotische Macht entfaltet. Besonders deutlich wird das bei Oscar Wilde, in dessen Drama Salomé sie als Verkörperung einer dekadenten und zerstörerischen Weiblichkeit auftritt. Die Vertonung dieses Werkes durch Richard Strauss galt aufgrund ihres Sujets noch Anfang des 20. Jahrhunderts als Skandal. Nicht mehr die Schwäche des Herrschers oder die Intrige der Mutter standen nun im Mittelpunkt, sondern eine junge Frau und ihr obsessives Begehren. Der Tanz wurde zum Symbol, das die Ordnung ins Wanken bringt.

In der Bildenden Kunst wird die Szene, in welcher das Haupt des Johannes auf einer Schale überreicht wird, vielfach dargestellt – von Caravaggio über Lucas Cranach bis hin zu Tizian. In der Figur der Salome bündeln sich Projektionen männlicher Angst und Faszination. Dies sagt freilich noch viel mehr über die Zeiten aus, die dieses Bild hervorgebracht haben, als über die Antike, in welcher die Überlieferung entstand.

Quellen:

Markus-Evangelium, 6, 17-29

 Matthäus-Evangelium 14,3–12

Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 18, 5, 4

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