Am 18. Januar 52 v. Chr. trafen auf der Via Appia zwei der mächtigsten und zugleich verfeindetsten Politiker der späten Römischen Republik aufeinander: Publius Clodius Pulcher und Titus Annius Milo. Aus einer scheinbar zufälligen Begegnung entwickelte sich eine blutige Auseinandersetzung, die Rom in eine politische Krise stürzte. Der anschließende Prozess gegen Milo wurde zu einem der berühmtesten Gerichtsverfahren der Antike und Ciceros Verteidigungsrede „Pro Milone“ zu einem Meisterwerk der lateinischen Literatur.
Es war ein schicksalhafter Wintertag, als es auf der Via Appia zu einem brutalen Verbrechen kam, das die Römische Republik in ihren Grundfesten erschütterte. Am 18. Januar 52 v. Chr. trafen beim Ort Bovillae südöstlich von Rom zwei der einflussreichsten und miteinander verfeindeten Politiker ihrer Zeit aufeinander: Publius Clodius Pulcher und Titus Annius Milo.
Publius Clodius Pulcher stammte aus einer altehrwürdigen Patrizierfamilie. Sein Vater war im Jahr 79 v. Chr. Konsul gewesen. Berühmt-berüchtigt wurde Clodius durch seine Verwicklung in die Bona-Dea-Affäre des Jahres 62 v. Chr. Bei den Feierlichkeiten dieses Kultes waren Männer streng ausgeschlossen. Clodius soll sich deshalb verkleidet und in Frauenkleidern in das Haus des damaligen pontifex maximus Gaius Julius Caesar eingeschlichen haben. Angeblich wollte er dort Caesars Frau Pompeia treffen, mit der er eine Affäre gehabt haben soll. Clodius wurde jedoch entdeckt und vor Gericht gestellt. Einer Verurteilung entging er, indem er die Geschworenen bestach.
Seiner politischen Karriere schadete dieser Skandal allerdings nicht. Mit einem ungewöhnlichen politischen Kunstgriff ließ er sich in eine plebejische Familie adoptieren, um für das Amt des Volkstribunen kandidieren zu können. Zu diesem Anlass änderte er auch die Schreibweise seines Gentilnamens von Claudius auf Clodius. Als Volkstribun gewann er durch die Einführung kostenloser Getreideverteilungen die Unterstützung der römischen Unterschichten. Gleichzeitig nutzte er seine Macht, um seinen politischen Erzfeind Cicero im Jahr 58 v. Chr. ins Exil zu treiben.
Titus Annius Milo stammte dagegen aus einer weniger bedeutenden Familie, machte aber ebenfalls eine erfolgreiche politische Karriere. Er stand auf der Seite der Optimaten, also jener konservativen Senatoren, während Clodius, der zeitweise die Unterstützung Caesars genoss, den Popularen zugerechnet wurde. Milo setzte sich entscheidend für Ciceros Rückkehr aus dem Exil ein und wurde dadurch zu einem der wichtigsten Gegenspieler des Clodius. Doch auch Milo war in der Wahl seiner politischen Mittel nicht zimperlich. Beide Männer unterhielten bewaffnete Gefolgschaften, die sich in Rom regelmäßig Straßenschlachten lieferten.
Als die beiden im Januar 52 v. Chr. auf der Via Appia zusammentrafen, befand sich Milo auf dem Weg nach Lanuvium, wo er einen Priester einsetzen sollte. Er reiste mit seiner Ehefrau Fausta, der Tochter des ehemaligen Diktators Sulla, seinem Gefolge, bewaffneten Sklaven und einer Eskorte, die nach einigen Quellen auch Gladiatoren umfasste. Clodius kehrte dagegen gerade aus Aricia nach Rom zurück, wo er eine politische Rede gehalten hatte. Auch er war von bewaffneten Männern begleitet.
Zum Zusammentreffen der beiden Gruppen kam es nahe dem Tempel der Bona Dea. Darüber, was genau geschah, berichten die Quellen unterschiedlich. Offenbar kam es zunächst zu einem heftigen Wortwechsel und anschließend zu einem Handgemenge zwischen den Anhängern des Clodius und den Begleitern Milos. Als Clodius sich umdrehte und eine drohende Geste machte, schleuderte einer von Milos Männern eine Lanze auf ihn, die ihn an der Schulter traf. Der verwundete Clodius wurde daraufhin in eine nahe gelegene Schenke gebracht. Milos Gefolge stürmte jedoch das Gebäude, zerrte Clodius heraus, erschlug ihn und ließ seine Leiche auf der Straße liegen. Dort wurde sie schließlich vom Senator Sextus Teidius gefunden. Welche Rolle Milo bei diesen Ereignissen genau spielte, wissen wir nicht. Wohl kaum hat er selbst den tödlichen Schlag ausgeführt. Ob er jedoch den Mord befohlen hatte oder ob seine Gefolgsleute eigenmächtig handelten, bleibt bis heute umstritten.
Auf jeden Fall löste die Ermordung des Clodius einen politischen Flächenbrand aus. Seine Anhänger brachten seinen Leichnam nach Rom, trugen ihn auf das Forum und legten ihn auf der Rostra nieder. Die aufgeputschte Menge brachte ihn anschließend in die Curia Hostilia, um ihn dort zu verbrennen. Aus Möbeln und Einrichtungsgegenständen errichteten sie einen Scheiterhaufen. Das Feuer geriet jedoch außer Kontrolle: Die Curia Hostilia sowie die benachbarte Basilica Porcia gingen in Flammen auf.
Um der Krise, die in Rom jetzt herrschte, Herr zu werden, reagierte der Senat auf Betreiben Catos mit einem ungewöhnlichen Schritt: Er übertrug Pompeius das Amt eines consul sine collega, eines Alleinkonsuls ohne Amtskollegen – eine Machtfülle, wie sie seit den Zeiten Sullas niemand mehr innegehabt hatte. Zugleich wurde mit der lex Pompeia de vi ein eigenes Sondergericht für Gewaltverbrechen eingerichtet, vor dem im April schließlich der Prozess gegen Milo verhandelt wurde.
Vor Gericht wurde Milo von Cicero verteidigt, der ihm für seine Unterstützung bei der Rückkehr aus dem Exil verpflichtet war. Ciceros zentrale Strategie war einfach: Nicht Milo habe seinen Gegner in einen Hinterhalt gelockt, wie ihm vorgeworfen wurde, sondern Clodius habe den Angriff geplant. Milo habe lediglich in Notwehr gehandelt. Cicero stellte Clodius als einen skrupellosen Gewalttäter dar, dessen Tod letztlich sogar im Interesse des Staates gelegen habe.
Der Prozess entwickelte sich jedoch anders als erhofft. Der berühmte Redner konnte Milo nicht retten. Pompeius hatte zur Sicherung der Verhandlung bewaffnete Truppen rings um das Forum postieren lassen – offiziell zum Schutz vor neuerlichen Ausschreitungen, faktisch aber auch als unübersehbares Signal gegen den Angeklagten. Die Anhänger des Clodius und die anwesenden Soldaten übten so großen Druck auf den Prozess aus, dass Cicero selbst durch Lärm, Zwischenrufe und den martialischen Anblick verunsichert wurde. Nach seiner eigenen späteren Darstellung soll seine Stimme gezittert und seine Rede nicht die gewohnte Sicherheit besessen haben. Milo wurde mit großer Mehrheit verurteilt und begab sich am 13. April freiwillig ins Exil nach Massilia, dem heutigen Marseille.
Nach dem Prozess veröffentlichte Cicero eine vollständig überarbeitete Version seiner Verteidigungsrede. Die Rede Pro Milone gehört heute zu den Meisterwerken der lateinischen Literatur. Der veröffentlichte Text ist wesentlich eleganter, schärfer und rhetorisch ausgefeilter als die tatsächlich vorgetragene Rede. Cicero nutzte die Gelegenheit, seine Argumentation nachträglich zu perfektionieren. Diese veröffentlichte Fassung, die bereits in der Antike als eine seiner besten Reden galt, schickte er auch an Milo nach Massilia. Der Anekdote nach soll dieser darauf geantwortet haben, er könne sich glücklich schätzen, dass Cicero die Rede nicht tatsächlich so gehalten habe, denn andernfalls würde er jetzt nicht die hervorragenden Meerbarben von Massilia genießen können.
Die historische Wahrheit hinter diesem Mord bleibt uns bis heute verborgen. War Milo tatsächlich schuldig? Es ist durchaus wahrscheinlich, dass das Zusammentreffen der beiden Kontrahenten tatsächlich zufällig war. Ebenso wahrscheinlich ist aber auch, dass Milo die Gelegenheit nutzte, um seinen gefährlichsten politischen Gegner auszuschalten. Nicht auszuschließen ist zudem, dass Milo seinen Gegner tatsächlich in einen Hinterhalt gelockt hatte. Fest steht jedenfalls, dass beide Politiker seit Jahren bewaffnete Gewalt als legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung betrachteten. Der Mord an Clodius war daher nicht der Beginn einer Krise, sondern der Höhepunkt einer Eskalation, die sich bereits lange angekündigt hatte.

Hinterlasse einen Kommentar