Einer der berühmtesten Feldherrn der Antike soll eine junge Frau getötet haben, die aus der Unterwelt zurückkehrte, um Rechenschaft zu fordern. Eine Tyrannengattin wurde ermordet und geschändet und verlangte aus dem Totenreich wärmende Kleider. Ein Reisender erfuhr im Traum, dass sein ermordeter Freund auf einem Mistkarren entsorgt werden sollte. Und in Athen rasselte ein Gespenst durch ein verlassenes Haus. Diese vier Geschichten zeigen, was geschah, wenn Mordopfer keinen Frieden fanden.
Ein Mord im Dunkeln
Als der spartanische Feldherr Pausanias im Jahr 479 v. Chr. in der Schlacht bei Plataiai das persische Heer unter Mardonios entscheidend schlug, stand er auf dem Höhepunkt seiner Macht und seines Ruhmes. Als Freiheitsheld hatte er die Gefahr einer persischen Eroberung Griechenlands abgewendet. Doch der Ruhm veränderte offenbar seinen Charakter. Die Quellen berichten davon, dass er hochmütig und herrisch wurde, seine Macht bedenkenlos zur Schau stellte und die Verbündeten überheblich behandelte. Zudem näherte er sich immer mehr den Persern an, trug deren Tracht und knüpfte angeblich Kontakte mit dem Großkönig.
Als Pausanias gerade in Byzanz weilte, kam es zu einem tragischen Vorfall, von dem Plutarch (Leben des Kimon 6) berichtet: Der Spartaner begehrte dort ein schönes Mädchen aus vornehmer Familie, das Kleonike hieß. Er ließ die junge Frau zu sich rufen, um mit ihr zu schlafen. Da sich die Eltern vor der Macht des Feldherrn fürchteten, widersetzten sie sich dem Befehl nicht und schickten Kleonike zu ihm. Als das Mädchen zum Haus des Feldherrn kam, schlief dieser bereits. Wohl um die unvermeidbare Schande hinter sich zu bringen, ohne ihren Peiniger dabei sehen zu müssen, bat sie die Wachen des Pausanias, die Lichter zu löschen und begab sich dann in dessen Schlafgemach. Im Dunkeln stieß sie jedoch einen Kerzenständer um. Vom Lärm geweckt, schreckte Pausanias aus dem Schlaf hoch. Er glaubte, ein Feind sei in sein Haus eingedrungen, griff schnell nach seinem Schwert und streckte den vermeintlichen Angreifer nieder. Kleonike wurde tödlich getroffen und starb noch an Ort und Stelle.
Mit diesem furchbaren Todesfall war die ganze Angelegenheit jedoch nicht ausgestanden. Wie Plutarch berichtet, verfolgte der Geist der Ermordeten fortan den spartanischen Feldherrn. Nacht für Nacht erschien sie ihm und forderte ihn in Versen auf, sich der gerechten Buße zu stellen. Pausanias, der inzwischen von den Verbündeten aus Byzanz vertrieben worden war, wandte sich in der Hoffnung, den Rachegeist, der ihn nicht mehr in Ruhe ließ, wieder loszuwerden, an das Totenorakel von Herakleia am Schwarzen Meer. Dieses war an jeder Stelle errichtet worden, an der Herakles der Sage nach den dreiköpfigen Hund Kerberos aus der Unterwelt heraufgeholt hatte. Dort ließ er die Seele Kleonikes herbeirufen, um ihren Groll zu besänftigen. Tatsächlich erschien der Geist der jungen Frau und prophezeite ihm, sein Leiden würde enden, wenn er nach Sparta heimkehre. Doch wie so oft in der Antike war der Orakelspruch zweideutig: Er kündigte nicht die Erlösung des Pausanias an, sondern seinen Tod.
Tod im Tempel
Denn als Pausanias in seine Heimatstadt Sparta zurückkehrte, geriet er unter Verdacht, mit den Persern, den Erzfeinden der Griechen, gemeinsame Sache zu machen. Um einer Festnahme zu entgehen, flüchtete er, wie Thukydides (Thuk. 1, 134) erzählt, in das Heiligtum der Athena Chalkioikos,der „Athena vom ehernen Haus“. Da er als Schutzflehender in einem Tempel unantastbar war, wagten die Spartaner nicht, ihren in Ungnade gefallenen ehemaligen Anführer mit Gewalt herauszuholen. Stattdessen mauerten sie die Türen zum Heiligtum zu, damit Pausanias im Inneren verhungerte. Als er dem Tode nahe war, drangen sie in das Heiligtum ein und trugen ihn heraus, damit das Heiligtum nicht durch einen Sterbenden entweiht würde, und er verschied unmittelbar darauf vor dessen Toren.
Die Spartaner wollten Pausanias daraufhin einfall irgendwo in der Nähe verscharren. Doch ein Orakelspruch des Gottes Apollo in Delphi forderte sie auf, Pausanias dort zu bestatten, wo er gestorben war. Daher wurde der Feldherr im Hof des Tempels begraben, und als Buße für den Frevel mussten die Spartaner dort auch zwei Bronzestandbilder aufstellen. In einer Notiz im Werk über Göttliche Rache des Plutarch (Moralia 560) heißt es sogar, dass der Geist des getöteten Regenten das Heiligtum heimgesucht habe und die Spartaner Seelenführer (Psychagogen) aus Italien haben kommen lassen, um seinen Zorn zu besänftigen.
Diese Geschichte zeigt, dass für die Griechen der gewaltsame Tod keineswegs immer das Ende einer menschlichen Existenz war. Besonders die Seelen deren, die unrechtmäßig getötet worden waren oder keine ordentliche Bestattung erhalten hatten, konnten in der Vorstellung der Hellenen zu unheilvollen Erscheinungen werden.
Die frierende Tyrannengattin
Zu einem solchen Vorfall war es bereits einige Jahrzehnte früher gekommen, wie Herodot (Hdt. 5, 92) kolportiert. Periander, der Tyrann von Korinth tötete in einem Wutanfall seine Frau Melissa. Einige Zeit später suchte er ein wertvolles Gut, und nur Melissa hatte gewusst, wo dieses versteckt war. Daher schickte er Boten zum Totenorakel am Acheron. Dort erschien zwar der Geist der Ermordeten, doch sie verweigerte jede Auskunft, denn sie sei entblößt und friere. Die Kleider, welche man ihr ins Grab mitgegeben habe, seien nämlich nicht verbrannt worden und nützten ihr daher nichts. Als Beweis dafür, dass sie tatsächlich Melissa sei, gab sie dem Boten eine geheimnisvolle Botschaft für Periander mit: Er habe seine Brote in einen kalten Ofen gelegt. Als Periander dies hörte, wusste er sofort, was gemeint war. Es war nämlich eine Anspielung darauf, dass er mit dem Leichnam seiner Gattin noch Geschlechtsverkehr gehabt habe. Der Tyrann handelte sofort: Er ließ sämtliche Frauen Korinths in ihren schönsten Kleidern ins Heiligtum der Hera kommen. Dort erwartete sie jedoch nicht das erhoffte Fest, vielmehr ließ der Herrscher die Frauen ausziehen, alle ihre Gewänder in eine Grube werfen und anschließend verbrennen. Als Periander anschließend noch einmal Boten zum Totenorakel schickte, gab ihm der Geist der Melissa die gewünschte Auskunft.
Der Tote im Mistkarren
Von einem Mordopfer, das in Träumen erscheint, berichtet auch Cicero in seiner Schrift Über die Wahrsagung (1, 57) Er erzählt darin von zwei Freunden aus Arkadien, die gemeinsam nach Megara reisten. Während der eine bei einem Gastfreund übernachtete, stieg der andere in einer Herberge ab. In der Nacht träumte der erste, sein Gefährte flehe ihn um Hilfe an, weil er vom Wirt ermordet werde. Er wachte vor Schrecken auf, tat dies jedoch als einen bedeutungslosen Traum ab. Als er wieder einschlief, erschien ihm sein Gefährte ein zweites Mal. Diesmal berichtete er, dass er tatsächlich ermordet worden sei. Sein Leichnam liege mit Mist bedeckt auf einem Karren. Der Freund solle am nächsten Morgen zum Stadttor kommen und den Wagen aufhalten, bevor dieser den Ort verlasse. Diesmal nahm der Träumende die Botschaft ernst: Am nächsten Morgen ging er zum genannten Ort, und tatsächlich fand er auf dem Wagen die Leiche seines Reisegefährten. Der Fuhrmann ergriff erschrocken die Flucht, doch der mörderische Wirt konnte festgenommen und seiner gerechten Strafe zugeführt werden.
Das Spukhaus von Athen
Eine gruselige Geschichte von einem Toten, der keine Ruhe fand, überliefert auch Plinius der Jüngere (Briefe 7, 27). Er erzählt darin von einem Haus in Athen, in welchem in der Nacht stets das Geklirre von Ketten zu hören und der Geist eines alten, abgemagerten und schmutzigen Mannes mit langem Bart und struppigem Haar zu sehen war. Die Bewohner des Hauses wurden von diesen Erscheinungen so sehr verängstigt, dass sie krank wurden und schließlich starben. Das Gebäude stand daraufhin leer, da es niemand kaufen oder mieten wollte. Als der Philosoph Athenodoros nach Athen kam und vom niedrigen Preis des Hauses hörte, mietete er es trotz der Schauergeschichten, die man ihm erzählte. In der Nacht, der Gelehrte war gerade am Arbeiten, erschien der Geist. Doch Athenodoros sah nicht auf, sondern konzentrierte sich auf Schreibtafel und Griffel. Als er nach einer Weile doch zum Gespenst blickte, gab dieses ihm ein Zeichen. Er bedeutete der Erscheinung aber, ein wenig zu warten und befasste sich wieder mit seinen Studien. Der Geist klirrte mit seinen Ketten, doch Athenodoros ließ sich davon nicht beirren. Als er schließlich wieder zu der Erscheinung hinsah, winkte ihm diese erneut zu. Jetzt nahm Athenodoros seine Lampe und folgte dem Geist, der sich in den Innenhof des Hauses bewegte und dort plötzlich verschwand. Die Stelle, an der er die Spukgestalt zuletzt gesehen hatte, markierte der Philosoph mit Gras und Laub. Am nächsten Tag ließ er dort graben. Tatsächlich stieß man auf Gebeine, die mit Ketten umschlungen waren. Diese wurden eingesammelt und öffentlich bestattet. Daraufhin blieb das Haus frei vom Spuk. Wer der geheimnisvolle alte Mann war, der ohne entsprechende Riten im Hof des Hauses verscharrt worden war, wissen wir nicht, auch nicht, wie er ums Leben kam. Die Ketten und sein Fundort leben jedoch einen gewaltsamen Tod nahe.

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